Ich bin es, André – Freigeist, Träumer, Geschichtenschreiber

Geboren und lebend in Leipzig hatte ich zur Wende das Glück, als einer der Letzten an der John-Heartfield-School in Wandlitz, Typografie und Grafikdesign erlernen zu dürfen. Einem Ort, der die Kreativität in mir erblühen ließ. Mich mit gleich Gesinnten vereinte, die mich dazu ermutigten, meine Talente zu erforschen. Nie die Neugier zu verlieren. An Träumen festzuhalten. Zu dieser Zeit begann ich, eigene Geschichten zu schreiben. Vorerst nur für mich.

Nach einem turbulenten Weg quer durch die Medienlandschaft habe ich in meiner Werbeagentur den kreativen Hafen gefunden. In dieser bin ich bis heute für die Bereiche Konzeption, Design und Text verantwortlich, begleite Unternehmen im Marketing und werde unregelmäßig auch als Kreativcoach tätig.

Das Schreiben blieb für mich nicht nur beruflich, sondern auch privat eine Herzensangelegenheit. Umso mehr erfüllt es mich mit Stolz, Interessierten nun einen ersten Ausblick in meinen noch unveröffentlichten Debüt-Roman der Urban-Fantasy-ReiheSerendipity” zu ermöglichen.

Neuigkeiten zu meinen bevorstehenden Verlagsbewerbungen, der Roman-Veröffentlichung sowie meiner weiteren Autorentätigkeit werde ich hier und über meine Social Media Kanäle bekannt geben.

Viel Spaß beim Eintauchen.

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Tyler Osborne
Von Blackouts geplagt und dafür verspottet ist die Erbschaft für Tyler der langersehnte Neuanfang. Ein Irrtum, wie er schon bald feststellen wird.

Jewel Osborne
Jewel lebt auf der Überholspur, muss nun jedoch fürchten, dass der Umzug ins Moriet-Haus ihr lang bewahrtes Geheimnis ans Licht bringt.

Aiden Wilburt
Aidens perfekte Welt gerät ins Wanken, als Jewel hinein platzt. Für sie würde er sogar sein Leben riskieren und bekommt seine Chance.

Lysander Pope
Lysander ist ein Jäger paranormaler Phänomene. Die Freundschaft zu Tyler lässt für ihn alle Träume wahr werden.

Crow Niles
Vom Schicksal zu Waisen gemacht, haust Crow mit seiner kleinen Schwester auf einem Boot. Und nun scheinen gerade die Osbornes der Grund dafür zu sein.

Kapitel 1 – Das Ende

Für Vincent Moriet begann ein besonderer Tag, denn es durfte sein Letzter werden. Die ersten Sonnenstrahlen lugten gerade durchs Fenster, als er die Augen aufschlug. Obwohl Moriet ein Alter erreicht hatte, das selbst Meeresschildkröten vor Neid erblassen ließe, schwang er sich federleicht aus dem Bett. Streckte sich ausgiebig. Huschte ins Bad. Erfrischt und in seine beste Garderobe gekleidet, einem burgundfarbenen Dreireiher mit Rüschenbesatz, Filz-Zylinder und schnabelförmigen Stiefeln, betrat er die Galerie seines Hauses. Schritt die Treppe zum Erdgeschoss hinab. Hielt auf dem Mittelabsatz inne. Strich einer Respekt einflößenden Statue über die Schulter.

»Mein lieber Ablecain. Verzeih mir, dass ich eine Steindekade für unseren Abschied wähle. Du weißt doch – ich bekomme von derartiger Gefühlsduselei immer Schluckauf. Alles Wichtige haben wir ja auch hinreichend besprochen. Deshalb mach ich es nun kurz – leb wohl!«
Moriet war bereits unten angekommen, als hinter ihm etwas zu Boden fiel. Er drehte sich noch einmal um und sah einen Gegenstand die Stufen hinunterrollen, der sich soeben aus dem Torso der Statue gelöst haben musste. Moriet machte einen Schlenker mit dem Zeigefinger, worauf er auf ihn zu schwebte.

»Du beschämst mich, treuer Freund. Ein derartiges Geschenk habe ich nicht verdient.« Moriet betrachtete das rötlich schimmernde Kleinod auf seinem Handteller. »Die Schuppe der Draxa. Faszinierend. Nun hast du es doch geschafft, dass ich sentimental werde. Ich danke dir. Für alles.«

Er wand sich ab, um die Kuppelhalle zu durchqueren, wurde jedoch erneut aufgehalten. Von allen Seiten tanzten pulsierende Funken auf ihn zu. Kreisten nun wie ein Schleier aus Glühwürmchen um den alten Mann. Moriet seufzte vergnügt und deutete eine Verbeugung an.

Die winzigen Geschöpfe lösten sich aus ihrer Formation. Sanken zu Boden, um dort die Silhouette eines Schuhs anzunehmen. Ein Zweiter folgte und schon wuchsen Beine empor, die Augenblicke später in einem zierlichen Körper mündeten. Zum Abschluss formten die Funken das Antlitz einer Frau.

Vor Moriet richtete sich eine Gestalt auf, die ihn von Liebe erfüllt anlächelte. Noch bevor er zu einer Reaktion imstande war, ergriff sie seine Hände, zog sich heran und stieß beide sacht mit den Füßen ab, wodurch sie nun vereint in der Halle schwebten. Eine Zeit lang trieben sie anmutig unter der gläsernen Kuppel und überstrahlten sogar die hereinscheinende Sonne.

Als das Paar wieder zu Boden sank, schien die Welt um sie herum nicht mehr zu existieren. Moriets Blick wurde glasig. Die Frau schüttelte unmerklich ihren Kopf, umfasste sein Gesicht und küsste ihn.

Ihre Lippen lösten sich und die Gestalt zerstob wieder in unzählige Funken, die sich in die Tiefen des Hauses zurückzogen.

Moriet verweilte noch einen Augenblick mit geschlossenen Augen. »Für diese Erinnerung werde ich auf ewig in eurer Schuld stehen. Unendlichen Dank.«

Er drehte sich auf dem Absatz um und ging nun rasch auf die Eingangstür zu. Prompt schwang diese wie von Geisterhand auf. Moriet trat ins Freie und machte erst am alten Springbrunnen inmitten seines Grundstücks halt. An den Rand des Beckens gelehnt, ließ er die Kühle an seinen Fingern emporwabern. Betrachtete ein letztes Mal die naturdurchwebte Silhouette seines Hauses.

Der Frühling hatte im Küstenstädtchen Old Sendina bereits Einzug gehalten, auch wenn dies zur frühen Stunde noch nicht spürbar war. Moriet stellte seinen Kragen auf, vergrub die Hände in den Taschen und setzte sich in Bewegung. Vom Meer fegte ein Windstoß herauf, der die Blätter und Sträucher zu einem Abschiedsgruß in Wallung versetzte.

Einige Minuten später passierte er das Tor seines Grundstücks. Zeitgleich verriegelte sich die Eingangstür zum Moriet-Haus wieder und das Wasser des Brunnens wurde von Rastlosigkeit erfasst. Es schwoll immer weiter an, bis es sich fontänenartig entlud und an einer neu entstandenen Figur zurück ins Becken glitt. Eine Skulptur zierte nun den Brunnen, die in detailreduzierter Eleganz der Lichtgestalt ähnelte.

»Guten Morgen Mrs. Henderson, verzeihen Sie meine Eile! Ich wünsche Ihnen dennoch einen sensationsträchtigen Tag«, kam Moriet wenig später einer Frau zuvor, die zwischen ihren Rosenbüschen auftauchte.

Außer Sichtweite normalisierte er seinen Schritt wieder, durchquerte die Villensiedlung, die im Laufe der Zeit um sein Haus entstanden war, und spazierte gen Stadtzentrum. Je näher Moriet diesem kam, desto mehr verästelten sich die Straßen zu Gassen. Manche von ihnen so schmal, dass sich die Markisen der gegenüberliegenden Läden an die Hand nahmen und den Autos die Durchfahrt verweigerten. Old Sendina erwachte gerade zum Leben. Überall schwangen Türen und Fensterläden auf, um Einblick zu gewähren. Schon bald würden die Wege vom Duft gemahlenen Kaffees, frischer Backwaren und betörender Gerüche erfüllt sein, die aus den Tiefen der Geschäfte nach ihm griffen.

Wo immer ihn sein Weg entlangführte, tuschelten die Menschen oder machten sich über seine Erscheinung lustig, sobald er ihnen den Rücken zu kehrte. Denen, die es versäumten ihre Münder zu schließen, wenn er sich ihnen wieder zuwandt, warf er einen wohlwollenden Blick zu und grüßte freundlich.

Moriet erreichte den Marktplatz, den ältesten Teil der Stadt. Dieser hatte sich über die Jahrhunderte nur wenig verändert und wurde von herrschaftlichen Gebäuden aus Sand- und Naturstein sowie einer alles überschattenden, barocken Kuppelkirche bewacht. Moriet konnte sich noch gut an die Jahre ihrer Erbauung erinnern. Er selbst hatte mit einer beträchtlichen Spende dazu beigetragen, auch wenn er dem überbordenden Prunk der irdenen Gotteshäuser skeptisch gegenüberstand.

Er stattete ihr dennoch einen Besuch ab. Anschließend nahm er die Dienste des Rathauses sowie der Post in Anspruch. Als alles zu seiner Zufriedenheit erledigt war, gestattete sich Moriet eine letzte Rast in seinem Lieblingscafé, hielt einen unverfänglichen Plausch mit dem Besitzer Jean-Pierre und genehmigte sich eine Trinkschokolade mit Schuss.

Moriet setzte seinen Weg fort und gelangte bald zum Stadtrand. Er bemerkte einen Adler, der weit über ihm seine Kreise zog. Sein Anblick entlockte ihm ein Schmunzeln.
Üblicherweise wandten sich Spaziergänger nun dem Meer zu, welches in Old Sendinas altehrwürdigen Hafen mündete. Die Fischer und Händler hatten im Schatten der Zypressen um diese Zeit bereits ihre Stände aufgebaut. Farbenfrohe Schirme waren gespannt, um den kleinen Restaurants darunter Geborgenheit zu spenden. Einheimische und Besucher flanierten entlang des Piers, sogen einen Hauch Atlantik in sich auf und bewunderten die vor Anker liegenden Boote. Wahrscheinlich war auch der alte Seebär mit seinem Schifferklavier längst vor Ort, um sich für ein paar Cent von Tisch zu Tisch zu spielen. Gegen zehn traf dann die Fähre vom Festland ein und spülte weitere Gäste in den Hafen. Früher hatte er sich gern unter sie gemischt.

Moriet zögerte einen Moment, schlug jedoch eine andere Richtung ein. Er betrat einen unscheinbaren Trampelpfad, der von der Straße abging und innerhalb weniger Minuten in den angrenzenden Wald führte.

Als er die ersten Schritte hinein tat, begrüßte ihn der Atem der Natur. Stille legte sich wie ein behaglicher Umhang über ihn.

Moriet mochte diesen Wald. Von den Menschen weitestgehend ungestört, lebten hier mächtige Steineichen und Kastanien friedlich im Einklang mit exotischeren Bewohnern wie Pinien und Lorbeerbäumen. Ihre unterschiedlich hohen Kronen sorgten dafür, dass er ein allseitig geschütztes Reich war. Wie zum Beweis versperrten Wurzeln die Wege, während die Finger der Bäume mahnend auf Eindringlinge zeigten. Mit etwas Glück konnte man sogar die scheu gewordenen Süntel-Buchen tanzen sehen.

Und dennoch hatte er diesen Wald schon seit Ewigkeiten nicht mehr betreten. Was genau genommen auf die meisten der Einheimischen zutraf. Selbst ein Großteil der Tiere mied diesen Ort, obwohl es kaum einen schöneren Lebensraum für sie geben konnte.

Nach drei Stunden strammen Marsches war Moriet tief ins Herz des Waldes vorgedrungen. Seine Beine meldeten, dass es jetzt kontinuierlich bergauf ging. Obwohl ein Weg schon seit Langem nicht mehr auszumachen war, stapfte er zielstrebig durchs Dickicht weiter. Von Zeit zu Zeit spähte er durch die Baumkronen, wo am Himmel noch immer der Adler zu folgen schien.

Eine weitere Stunde später gelangte Moriet zu einer Lichtung. Die Sonne stand mittlerweile im Zenit. Er setzte seinen Zylinder ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und nahm auf einem verwitterten Baumstamm Platz. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er nun den Adler, welcher spiralförmig in den Sinkflug überging.

Je näher der Raubvogel kam, desto mehr verdeckten seine Schwingen das Sonnenlicht und tauchten die Lichtung in eine bedrohlich nervöse Dunkelheit. Er setzte zur Landung an. In der Furche, die seine Krallen ins Erdreich rissen, hätte eine ganze Damwildfamilie Schutz gefunden. Kaum zum Stillstand gekommen, begann der Adler sich unter scheinbar tollwütigen Schmerzen zu winden. Sein messerscharfer Schnabel zog sich in die Tiefen des Schädels zurück und gab die Sicht auf nicht minder gefährliche Reißzähne frei, die Sekunden später den Kiefer einer absurd großen Raubkatze schmückten. Der gesamte Körper des Wesens war nun in Aufruhr. Das Gefieder wich einem samtig glänzenden Pelz und zwei krallenbewehrte Pranken brachen aus der Brust hervor.

Wenige Augenblicke darauf war das Spektakel vorbei. Anstelle des soeben vom Himmel gestürmten Adlers baute sich ein silbergrauer Panther vor dem alten Mann auf. Selbst wenn es in diesem Wald ein Rudel Löwen gegeben hätte – um dieses Tier würden sie einen weiten Bogen machen.

»Aaah, Kaan – haben mich meine müden Augen nicht getäuscht. Schön, dich wieder zu sehen.« Moriet erhob sich.

»Mutig von dir, her zu kommen«, röchelte ihm der Panther entgegen. »Aber wo ist dein verräterischer Freund? Oder hast du etwa eingesehen …«

»Als wenn es mir jemals an Mut gemangelt hätte. Außerdem habe ich mir nichts vorzuwerfen und ahnte schon, dich hier zu treffen. Ich kann die anderen nicht sehen – du bist ebenfalls allein gekommen?«

»Sie sind verschwunden, beide. Noch am Tag unserer kleinen Meinungsverschiedenheit.«

»Kleine Meinungsverschiedenheit?« Moriet runzelte die Stirn. »Nun ja, ich muss weiter. Begleite mich doch ein Stück.« Er richtete seine Garderobe, stülpte sich den Zylinder wieder auf und stapfte los. Der Panther verharrte noch eine Weile in der Sonne und holte dann mit kraftvollen Sätzen auf. Seite an Seite verließen sie die Lichtung.

»Du hast doch ein bestimmtes Ziel oder soll das nur ein Spaziergang werden?«, fragte Kaan.
»Nun ja, das habe ich tatsächlich. Mein Weg führt mich zur Titanenklippe, wie sie die Menschen nach unserer Ankunft amüsanterweise getauft haben.«

»Was hast du vor?«

»Die jüngsten Ereignisse veranlassen mich, einen lang gehegten Plan bereits heute in die Tat umzusetzen. Aber bitte gedulde dich. Wir sind bald da.«

Sie marschierten einige Minuten nebeneinander her, bis Moriet wieder die Stimme erhob. »Im letzten Jahr stand etwas Merkwürdiges über diesen Wald in der Zeitung …«

»Du verfolgst die Nachrichten der Erdlinge?«

»Menschen. Meiner Art viel ähnlicher, als du wahrhaben möchtest. Und ja, selbstverständlich interessiert mich, was hier geschieht. Ihre Zeitungen sind dafür äußerst nützlich. In selbiger fand ich den Bericht über einen Jäger, der hier auf mysteriöse Weise verunglückt sei – du weißt nicht zufällig etwas darüber?«

Der Panther schnaubte geringschätzig. »Wieso sorgt dich ihr Wohl mehr als das unsere?«

»Davon kann keine Rede sein. Aber auch wir sind hier an Regeln gebunden.«

»Regeln? Niemand zwingt mir seinen Willen auf. Schon gar nicht diese Schwächlinge.«

Moriet blieb abrupt stehen. Die endlosen Jahre hatten das Gesicht des Mannes wie Baumrinde zerfurcht. Während er nun sprach, strafften sich seine Züge, die Altersflecken verblassten und das schlohweiße Haar sowie sein Spitzbart schimmerten in rostbraunem Ton. Wie in Zeitraffer schien die jugendliche Kraft ins Antlitz Moriets zurückzukehren, was seinen Worten dramatischen Nachdruck verlieh. »Das, werter Kaan, ist genau der Denkfehler, der dein Handeln schon seit Ewigkeiten leitet. Wir sind hier die Gäste und nicht anders herum. Ungeladene wohlbemerkt. Von dem, was wir mitbrachten, ganz zu schweigen. Aber das werden besonders Felpiour und du wohl nie verstehen.«

»Die Erdlinge haben es nicht besser verdient. Sie ruinieren ihre Welt früher oder später sowieso. Nichts ist ihnen heilig. Fortlaufend bekriegen und vernichten sie sich. Sie sind rücksichtslos und von diesen Maschinen besessen. Nicht zu vergessen, wie sie die Tiere misshandeln.«

»Nichtsdestotrotz ist es ihre Welt. Die Menschen haben zweifelsohne viele Schwächen, aber hatten wir die nicht ebenso? Haben dich die Jahrhunderte hier vergessen lassen, wie viel Unrecht und Chaos auch bei uns herrschte? Und sind wir nicht genau deshalb hier gestrandet?«

»Jahrhunderte – du sagst es. Zeit zurückzugehen. Was kann hier schon noch passieren?« Kaans Pranken zermalmten mühelos eine aus dem Boden ragende Wurzel, während er seinem Herzen Luft machte. »Ich bin es so unsagbar leid. Diese Einsamkeit. Dieser Wald. Diese ganze verfluchte Welt.«

»Wir wussten, worauf wir uns einließen. Dass es im schlimmsten Fall keine Rückkehr geben wird, war allen bekannt. Apropos Rücksichtslosigkeit.« Moriets Blick glitt zur geborstenen Wurzel, die sich durch frische Triebe wieder nahtlos zusammenfügte.

»Der Rückweg ist aber nicht versperrt. Lass uns den Rat vereinen. Wir haben unsere Schuldigkeit längst erfüllt. Sollen andere hier nun Wache schieben.«

»Ich habe es euch bereits bei unserer letzten Zusammenkunft versucht, zu erklären. Es liegt nicht mehr in meiner Macht. Aber ihr wart ja davon getrieben, mich des Vertrauensbruches zu bezichtigen«, entgegnete Moriet noch immer mit erhobener Stimme, ohne nun jedoch eine Spur Wehmut verbergen zu können. »Meine Kraft schwindet in dieser Welt. Und jetzt scheint sich zu bewahrheiten, was ich schon seit unserer Ankunft insgeheim fürchtete. Wenn das, was mir ein Mensch erst gestern zugetragen hat, tatsächlich stimmt, ist die Anwesenheit eines ungeschwächten Rates hier notwendiger denn je.« Während er die letzten Worte sprach, schlichen sich die Jahre in Moriets Gesicht zurück. Vor Kaan stand wieder der zerbrechlich wirkende Alte.

»Deine Worte sind wie so oft rätselhaft. Wovon sprichst du bitte? Wir würden es bemerken, wenn Avalay wieder erstarkt. Ihr Verlies ist unversehrt. Felpiour hätte uns längst benachrichtigt.«

»Daran zweifel ich nicht. Meine Zauber werden das Siegel bis zum vorherberechneten Tag schützen.«

»Was ist es dann, dass dich hadern lässt?«

Vincent Moriet zögerte, als wenn er sich die folgende Antwort erst gewissenhaft zurechtlegen wollte. »Hast du jemals in Erwägung gezogen, dass außer uns noch jemand durch das Portal gelangt sein könnte? Unbemerkt. In jener Nacht spürte ich eine altvertraute Präsenz, die mich erschaudern ließ. All die Jahre habe ich jedoch meine Zweifel unterdrückt. Mir stets eingeredet, dass es nur an seinem Blut lag, dass auch durch ihre Adern fließt. Bis zum gestrigen Tag.«

»Oh warte, ich weiß jetzt, worauf du hinaus willst«, fauchte Kaan. »Nicht zu fassen, dass du noch immer an dieser wahnwitzigen Theorie festhältst.«

Moriet lächelte matt. »Deine Reaktion war vorhersehbar. Nun gut, reden wir nicht mehr darüber.«

»Aber du hast ihn mit eigenen Augen sterben sehen. Wir alle haben das.«

»Das ist die Frage – haben wir das wirklich? Kaan, glaube mir, ich würde mich nur zu gern täuschen. Nichtsdestotrotz war es meine Pflicht, Vorkehrungen zu treffen, bevor meine Magie endgültig versiegt. Jetzt bleibt nur noch eines zu tun.«

Moriet hatte kaum zu Ende gesprochen, als sich die Dunkelheit lichtete. Sie traten zwischen den Bäumen hervor und wurden mit einem Anblick belohnt, der für den beschwerlichen Fußmarsch wahrlich entschädigte. Es wirkte, als wenn jemand den Wald wie einen Vorhang aufzog, um den Blick auf eine gigantische Bühne samt Meereskulisse frei zu geben.

Kaan ließ seinen Blick über die sichelförmige Bergkante schweifen. »Wenigstens hier hat sich nichts verändert. Aber noch mal – was hast du vor?«

»Ich werde der Geschichte erlauben, ihren Lauf zu nehmen. Welcher Platz könnte dafür geeigneter sein als dieser? Kaan, hör mir jetzt gewissenhaft zu! Nur dieses eine Mal. Ohne Vorurteile. Ohne Einwände. Der Tag wird kommen, da andere statt meiner den Rat wieder vereinen. Wenn dies geschieht, bitte ich dich, weise zu handeln. Vergiss endlich deinen Groll gegenüber Ablecain. Verbünde dich mit ihm! Nur gemeinsam seid ihr stark genug, um die zu schützen, die meinen Platz einnehmen, falls ihnen Gefahr droht. Und ich befürchte, genau das wird passieren. Findet Paeon und Felpiour, denn auch ihre Anwesenheit wird vonnöten sein. Besonders die Suche nach Paeon wird wohl eine Herausforderung werden. Kaan, mir war die Gabe der Voraussicht nie zu eigen. Dennoch habe ich den Verdacht, dass dein sehnlichster Wunsch bald in greifbare Nähe rücken könnte.«

»Du meinst, ein anderer soll an deine Stelle treten? Was schwafelst du da? Du bist der einzige Mabou diesseits der Welt. Niemand kann dich ersetzen.«

»Sehr schmeichelhaft, danke. Und doch muss ich dir diese Erklärung schuldig bleiben. Die Zeit ist noch nicht reif. Zudem befürchte ich, dass dein Temperament dem Gelingen momentan eher abträglich ist. Bitte sieh einem alten Mann seine Direktheit nach.« Moriet trat an die Felskante. Außer einem Fischerboot war nichts als das Meer zu sehen, das launig gegen die Klippen schlug.
»Willst du etwa behaupten, dass ich nicht vertrauenswürdig bin? Nach allem, was wir gemeinsam durchlebt haben?«

»Nichts läge mir ferner, alter Gefährte. Nichts läge mir ferner.« Moriet schaute gedankenverloren in die Ferne. Im nächsten Moment drehte er sich mit dem Rücken zum Abgrund, schloss seine Augen, murmelte etwas Unverständliches und kippte hintenüber in die Tiefe.

»Neeeiiin« entfuhr es dem Panther. Er sprang mit einem gewaltigen Satz zur Felskante und versuchte Moriet noch zu erreichen. Vergeblich.

Spätestens im Augenblick des bevorstehenden Endes stellt sich selbst bei Lebensmüden das Entsetzen ein und die Gesichtszüge entgleisen. Nicht so bei Vincent Moriet, dessen Mimik und Körperhaltung während des Falls friedfertig wirkte, vielmehr dem eines glücklich Schlafenden ähnelnd. Kurz vor dem Aufprall schossen ihm Wasserfontänen entgegen, schmiegten sich unter seinen erschlafften Körper und geleiteten ihn die letzten Meter nach unten.

Kaan heulte vor Entsetzen auf. »Du alter Narr, was hast du getan?«

Vincent Moriet wurde von den Wellen noch eine Weile umher getrieben und versank dann lautlos in der Dunkelheit. Nach einigen Minuten regte es sich in der Tiefe jedoch wieder. Ein heller Schimmer stieg nach oben. Als das Licht die Wasseroberfläche durchbrach, war es zu einer weiß strahlenden Sphäre angewachsen, die sich in die Lüfte erhob und letztlich in den Wolken verschwand.

Zurück blieben nur das kleine Fischerboot und ein Adler, der am Himmel seine Kreise zog.

Kapitel 2 – Im weißen Gefängnis

Tyler Osborne schreckte so ruckartig hoch, dass es ihm die Drähte von Kopf und Oberkörper riss. »Was ist passiert? Wo bin ich?«

Vor dem Bett saßen seine Eltern und blickten ihn besorgt an. »Oh Ty, bin ich froh, dass du wieder wach bist. Irgendwas ist in der Schule vorgefallen. Sie haben dich ins Krankenhaus gebracht. Wir sind sofort hergekommen, wissen aber noch nichts Genaues«, sagte seine Mom. Sie küsste ihn auf die Stirn und drückte ihn sanft zurück ins Bett, da er Anstalten machte aufzustehen.

»In der Schule? Welcher Tag ist heute? Und wo ist Jey?«, entfuhr es ihm deutlich zu laut. In seinem Gedächtnis klaffte offenbar eine bedeutsame Lücke. Er versuchte erneut, dem Bett zu entfliehen.

»Bitte liegen bleiben! Du darfst dich jetzt nicht aufregen.« Seine Mom spähte Hilfe suchend durch das zum Flur liegende Fenster.

»Es ist noch immer Mittwoch. Siebzehn Uhr, um genau zu sein. Wie lange hatte der Herr denn vor, sich auszuruhen? Sollen wir vielleicht nächste Woche wiederkommen?«

Tyler schaute in das warmherzige Gesicht seines Dads. Robert hatte die Angewohnheit, alles mit Humor überspielen zu wollen, auch wenn die Sorgenfalte auf seiner Stirn heute tief wie nie war. Es funktionierte trotzdem. Tylers Aufregung legte sich etwas. Er sank zurück in die Kissen und ließ Revue passieren, woran er sich als Letztes erinnern konnte.

Die Tür schwang auf. Ein Mann mit weißem Kittel, exakt gescheitelten Haaren und Goldrandbrille kam herein.

»Ah ja, wie ich dem Lärm entnehme, ist unser Patient aus seinem Tiefschlaf erwacht. Das ist gut. Mein Name ist Dr. Richards. Ich bin hier der leitende Stationsarzt.« Er kam zum Bett und betrachtete die Anzeigen der medizinischen Gerätschaften. »Die kannst du auch gleich mir geben.« Der Arzt deutete auf die EKG-Drähte, die nutzlos neben Tyler auf dem Kopfkissen lagen. »Tja, was dich hergeführt hat, ist noch ein Rätsel. Deine Werte sind beneidenswert. Wir haben dich in den letzten Stunden bereits so weit wie möglich durchgecheckt. Aber bis auf einen minimal erhöhten Hämoglobinwert konnten wir nichts Ungewöhnliches finden. Wie fühlst du dich denn?«

»Ähm, schwer zu sagen. Mein Kopf brummt ziemlich, aber ansonsten ganz gut«, sagte Tyler nun in Zimmerlautstärke.

Gerade als der Arzt darauf eingehen wollte, betrat ein Teenager den Raum, ging zum Bett und machte es sich mit einer Selbstverständlichkeit auf diesem bequem, als wenn sie hier wohnen würde. »Na, Brüderchen – gehts wieder besser? Rutsch mal ein Stück!«

Dr. Richards schien für einen Moment sprachlos, während den anderen derartige Situationen offensichtlich nicht fremd waren. Besonders Robert konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Seine Tochter Jewel war nicht nur entwaffnend dreist, sondern sah mit ihrem selbst gefransten Bob, aus dem blonde Haare in alle Richtungen sprießten, ihrem sonnengebräunten Gesicht mit den haselnussbraunen Augen sowie dem lässig über dem Bauchnabel zusammengeknoteten Shirt, auf dem der Schriftzug RED prangte, einfach unverschämt hübsch aus. Genau wie ihre Mutter Lauren.

»Ich geb zu, ich war fast in Sorge, als dich dieser Blitz traf. Aber da du schon wieder rumbrüllen kannst, wirds wohl nicht so schlimm gewesen sein.«

Tyler glaubte, sich verhört zu haben. »Bitte was? Jey, was faselst du da von ’nem Blitz?«

»Also ich bezweifele stark, dass dich ein Blitz getroffen hat«, sagte Dr. Richards. »Den überleben die wenigsten und selbst dann würdest du wohl kaum jetzt vor uns sitzen.«

Tyler musterte seine Zwillingsschwester und bemerkte, dass ihre Augen etwas anderes als ihr Mund erzählten.

»Jewel, nicht so nebulös. Erklär uns genau, was passiert ist«, hakte Lauren nach.

»Na ja, irgendwas hat dich in der Schule ausgeknockt. Wir waren beide auf dem Weg zum Spiel. Plötzlich ist von oben ein grelles Licht in dich hineingeschossen und hat dich, ja ich weiß wie bescheuert das klingt, irgendwie zum Strahlen gebracht. Währenddessen warst du wie paralysiert. Dann bist du auf der Wiese vor der Aula zusammengeklappt. Ich hab sofort den Schul-Doc geholt. Aber der hatte ebenfalls keinen Plan, was mit dir los ist.«

»Ich bin im Park zusammengebrochen? Und alle haben das gesehen? Das kann unmöglich dein Ernst sein.« Tyler saß nun kerzengerade im Bett.

»Nein, keine Sorge Ty – das hat niemand mitbekommen. Wir waren wieder mal zu spät dran. Alle anderen saßen längst auf dem Sportplatz und haben das blöde Spiel verfolgt.«

Tyler atmete erleichtert auf, schaute seine Schwester jedoch weiterhin misstrauisch an.

»Und du kannst dich wirklich an nichts mehr erinnern? Wie kann das sein?«, fragte seine Mom. Sie blickte abwechselnd ihren Sohn und den Arzt an.

»Nein. Vom heutigen Tag fehlt mir alles. Meine letzte Erinnerung ist von gestern Abend. Bei uns zu Hause. Ich war mit Jey zusammen, bis wir schlafen gegangen sind.«

»Und genau darüber sollten wir sprechen«, sagte Dr. Richards. »Alles, was ich bisher von deinem Zusammenbruch gehört habe, klingt höchst merkwürdig. Auch wenn deine Werte in Ordnung sind, scheint dennoch etwas nicht zu stimmen. Deine Amnesie unterstreicht das. Bis wir die Ursache herausgefunden haben, solltest du alle sportlichen Aktivitäten einstellen. Sicherheitshalber werden wir dich auch erst mal für eine Weile hierbehalten, um weitere Tests durchführen zu können.«

»Ist das Ihr Ernst? Aber mir gehts doch schon viel besser.« Tyler musste sich verhört haben. Krankenhäuser waren für ihn der blanke Horror. Ihre geliebte Granny Rose war in einem solchen, nach in Strahlen und Chemie zersetzten Hoffnungen zugrunde gegangen. Allein der Gedanke an die zermürbenden Krankenbettbesuche schnürte ihm erneut den Hals zu.

»Ach, so schlimm wird’s schon nicht werden«, sagte Robert. »Als ich in deinem Alter war, musste ich einmal für zwölf Tage …«

»… ins Krankenhaus. Oh bitte nicht schon wieder diese olle Kamelle, Dad«, unterbrach ihn Jewel. »Sie haben dir den Blinddarm raus genommen und es gab Komplikationen … ja, ja, wir wissen es.«

»Liebling, sollten wir unsere Tochter nicht auch gleich zur Beobachtung hier lassen? Irgendwas stimmt mit ihrem Mundwerk nicht. Es wirkt etwas lose«, sagte dieser an seine Frau gewandt.

»Sorry, Dad«, erwiderte Jewel grinsend.

»Ein wenig Geduld und wir finden schon raus, was dir fehlt, Tyler. Wir haben hier die besten Spezialisten«, sagte Dr. Richards. »Für heute Abend empfehle ich dir jedoch erst einmal Ruhe. Du hast Traumatisches erlebt. Das müssen Körper und Geist verarbeiten. Schlaf dich aus und morgen sehen wir weiter.« Er verabschiedete sich von allen und verließ den Raum.

Tyler nickte nur matt. Seine Familie blieb noch bis zum Ende der Besuchszeit. Lauren ließ das Geschehene keine Ruhe. Sie zerlegte den Hergang chirurgisch genau in alle Einzelheiten und hielt das Klinikpersonal mit Fragen zur Ursache und Behandlung von Amnesien auf Trab. Ausgerechnet die einzige Augenzeugin war bei den Ermittlungen jedoch keine Hilfe. Tyler war froh, als sie sich von ihm verabschiedeten. Er wollte allein sein. Ungestört nachdenken. Wenig später übermannte ihn jedoch bereits wieder die Müdigkeit.

Als Tyler am nächsten Morgen durch das Treiben auf dem Flur zeitig erwachte, glitt er sogleich aus dem Bett, schob den Schrank mit seinen Sachen auf und tastete die Taschen nach seinem Handy ab. Er fischte das alte, mit Klebeband zusammengehaltene Smartphone aus seiner Hose, öffnete den Browser, navigierte in seiner Favoritenliste zu einer Webseite, loggte sich ein und hatte umgehend Gewissheit.

Im Zentrum der Seite thronte ein frisch hinzugefügtes Bild, über dem Challenge Completed blinkte. Die Kommentarfunktion unter dem Foto drohte bereits heißzulaufen und blendete im Minutentakt neu eintreffende Glückwünsche, Lobeshymnen sowie auch den ein oder anderen missgünstigen Kommentar ein. Anlass für die Resonanz war natürlich der Inhalt des Bildes: Lässig auf einem Holzschreibtisch liegend, den Insider sofort dem Büro von Schuldirektor Patterson zuordnen konnten, grinste ein Teenager in die Kamera. Damit nicht genug, lehnte an ihrer Brust ein prunkvolles Metallwappen und verdeckte geschickt auch Teile ihres Gesichtes, sodass eine Überführung der Täterin nur schwer möglich war. Und genau darin bestand der eigentliche Clou. Besagtes Wappen mit den eingravierten Intarsien der Burbage Secondary School begrüßte die Schüler normalerweise in unerreichbarer Höhe an der Außenwand ihrer Aula. Dennoch hielt die Täterin es nun in Händen. In einem Raum, der stets bewacht oder abgeschlossen und für Schüler nur dann zugänglich war, wenn sie sich massiven Ärger eingebrockt hatten.

Tyler erkannte seine Schwester sofort. Sie hatten es tatsächlich getan. Dass Jewel trotz seines mysteriösen Blackouts keine Zeit verlor, ihren Triumph auf einer unter Schülern berühmt-berüchtigten Webseite zur Schau zu stellen, wurmte ihn mächtig. Dieses Mal war sie zu weit gegangen.

Sein Blick glitt durch den Raum, in den sie ihn für die nächsten Wochen einpferchen wollten. Es handelte sich um eine deprimierend kontrastarme Einzelzelle. Alles war so unbunt, dass das Display des nun abgeschalteten Überwachungsmonitors wie ein Durchgang zu einer anderen Dimension wirkte. Erst kürzlich hatte er sich durch einen Psychologiewälzer seines Dads geschmökert, in dem über die Macht der Farben und ihren Einfluss auf das Wohlbefinden berichtet wurde. Er begann, die Kompetenz dieser Klinik anzuzweifeln. Tyler schlüpfte in seine weißen Krankenhaus-Schlappen, ging an der weißen Sitzgruppe und den weißen Einbauschränken vorbei, um die ebenso weißen Vorhänge aufzureißen. Als er damit die überraschend weißgerahmten Fenster freigelegt hatte, konnte er endlich die Außenwelt sehen. Tyler ließ sich auf dem Fenstersims nieder und blickte sehnsüchtig auf den Klinikpark hinunter.

Der restliche Morgen verlief bis auf die Visite ereignislos. Später erreichte ihn eine Nachricht seiner Schwester, die ihren nächsten Besuch für den Nachmittag ankündigte. Er zählte die Stunden, bis sie endlich eintraf.

»Dafür bist du mir was schuldig«, knurrte Tyler. Er hielt Jewel zur Begrüßung sein Smartphone vors Gesicht.

»Aber klar – was immer du willst.« Sie legte sich zu ihm aufs Bett und lehnte ihren Kopf an seinen. Minutenlang lagen beide nur da, ohne ein weiteres Wort zu wechseln.

Tyler spürte ein leichtes Zittern an seiner Schläfe. Er bemerkte wie seine Schwester, mittlerweile breit grinsend, gegen einen Lachanfall ankämpfte. Ihre Blicke trafen sich. So fest er sich auch vorgenommen hatte, wütend auf sie zu sein, konnte er es nicht aufhalten. Nach kurzer, schmerzhafter Unterdrückung prusteten beide los und lachten so laut auf, dass jeden Moment jemand vom Klinikpersonal hereingestürzt kommen musste.

Jewel sprang vom Bett und vollführte einen Freudentanz. »Yeah, Yeah, Yeah. Davon wird die Burbage noch in Jahrzehnten sprechen.«

»Du meinst, von dir. Den Ruhm haste ja allein einkassiert. Blöde Ziege«, gluckste Tyler. »Und ich lieg dafür nun im Krankenhaus. Danke für nichts.«

»Selber Schuld, Brüderchen. Du wolltest doch nicht mit aufs Foto. Aber ich bin dir trotzdem megadankbar. Ohne dich wärs aussichtslos gewesen.« Sie küsste Tyler auf die Wange. »Und das mit deinem Blackout tut mir wirklich total leid.«

»Ok, ok, dazu kommen wir später. Jetzt will ich erst mal die Wahrheit hören. Die ganze Geschichte.«

»Na klar, deshalb bin ich doch hier. Ging ja wohl schlecht vor Mom und Dad. Ok, ab wann gingen denn bei dir die Lichter aus?« Sie setzte sich ihm im Bett gegenüber.

»Ich weiß noch, dass wir am Abend vor meinem Blackout über deinem neuesten, wahnwitzigen Plan gebrütet haben und ich das für undurchführbar hielt. Weil das Direktorat tagsüber immer besetzt ist und ich nachts definitiv nicht an der Aula rumhangeln wollte. Ab dann wirds dunkel …«

»Hmm … wirklich seltsam. Na ja, auf jeden Fall sind wir am nächsten Morgen normal zur Schule. Dort erfuhren wir, dass sich Pattersons Sekretärin krank gemeldet hat. Das war unsere Chance, weil der alte Diktator wie gewöhnlich das Fußballspiel eröffnen und unserer Mannschaft zuschauen würde. Da die Schule um diese Zeit immer wie leer gefegt ist, war es deiner Meinung nach der perfekte Zeitpunkt, um zuzuschlagen.«

»Stop mal kurz! Es war meiner Meinung nach der richtige Zeitpunkt? Echt jetzt?«

Jewel feixte. »Ok, womöglich könnte es auch mein Vorschlag beziehungsweise meine grandiosen Überredungskünste gewesen sein. Aber am Ende hast du zugestimmt und bist wieder nach Hause gerast, um dein Kletter-Equipe zu holen. Und dann haben wir das exakt nach Plan durchgezogen: Zuerst hoch auf den Dachboden, von dort aus aufs Dach, deine Ausrüstung befestigt, kurz gecheckt ob unten die Luft rein ist und dann hast du dich auch schon abgeseilt. Es dauerte nur wenige Minuten, bis du mit dem Wappen wieder hochkamst. Der Weg ins Büro von Patterson war mit Sams Nachschlüssel ein Kinderspiel. Und auch danach lief im Prinzip alles glatt. Wir haben unsere Spuren beseitigt, alles wieder zugeschlossen und sind, ohne irgend jemandem über den Weg zu laufen, zurück auf den Dachboden. Dann hast du das olle Ding wieder dran geschraubt und bist zurückgeklettert. Ja und dann … dann passierte es. Du standest an der Dachkante, hattest dich gerade aus den Karabinern ausgeklinkt und deinen Gurt abgelegt. Plötzlich schoss von oben ein grelles, weißes Licht in dich hinein. Du sahst aus wie ’ne Leuchtstoffröhre vor dem Overload.«

Tyler ließ Jewels Wort auf sich wirken. »Aber das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Ich hab noch nie von etwas gehört, dass einen Körper zum Leuchten bringt? Selbst bei ’nem Blitzschlag passiert das nicht. Und wieso waren wir auf dem Dach? Ich dachte, ich lag auf der Wiese?«

Keine Reaktion.

»Jey?«

Jewel wich seinem Blick aus.

»Jey, was ist hier los? Spuck’s aus!«

»Ähm, nun ja. Genau genommen bist du vom Dach gefallen.«

»Ich bin was?« Tyler nahm die Farbe der Zimmereinrichtung an.

»Ty, tut mir wirklich leid. Du standest direkt am Rand. Ich hatte echt keine Chance, dich noch zu erreichen. Das ging alles rasend schnell. Aber das konnt ich so ja wohl kaum unseren Eltern oder sonst wem erzählen. Die wären doch sofort misstrauisch geworden. Außerdem ist dir ja zum Glück auch nichts passiert. Na ja, mal abgesehen von deinem Moment als Glühbirne und dem Gedächtnisverlust. Aber dich vom Dach kippen und unten liegen zu sehen, das war wirklich Horror. Ich bin natürlich sofort zu dir. Aber du schienst unverletzt und hast geatmet.«

»Vom Dach der Aula? Jey, was redest du da? Das sind mal locker fünfzehn Meter. Aus der Höhe hätte ich Matsch sein müssen. Schau mich an, ich hab nicht mal nen Kratzer.«

Jewel zuckte nur mit den Schultern.

Eine Pause trat ein, während der Tyler seine Schwester aus dem Augenwinkel beobachtete. »Sorry Jey, wieso hab ich nur den Eindruck, dass das nicht die ganze Wahrheit ist?«

»Ach, Ty – warum sollte ich dich anlügen? Du hattest auf dem Dach ’nen Aussetzer und bist runtergefallen. Glaub es oder lass es!«

Sie saßen eine Zeit lang stumm da, bis Tyler erneut nachhakte. »Und du bist dir sicher, dass uns niemand gesehen hat? Was ist mit meiner Ausrüstung? Liegt die noch auf dem Dach? Und was ist mit deinem Bild? Sobald ein Lehrer das zu Gesicht bekommt, sind wir sowieso dran. Dafür fliegen wir hochkantig von der Schule! Nur weil du wieder so ne bescheuerte Aktion zur Selbstbeweihräucherung durchziehen musstest.«

»Nun entspann dich doch mal! Natürlich hab ich unsere Spuren verwischt. Außerdem sind wir im Abschlussjahr und gehen eh bald von der Burbage ab. Und zwar als Helden. Und wie hätte ich bitte schön ahnen können, dass da oben Thors Hammer in dich einschlägt?«

Tyler schnaubte missmutig. »Ok, gut und schön. Gehen wir mal davon aus, dass alles glatt läuft. Dann bliebe noch die Kleinigkeit, wegen der ich hier bin. Jey, ich wache hier plötzlich im Krankenhaus auf, mein Gehirn ist malade, aber dafür kann ich nun von Dächern springen. Das ist doch Bullshit. Bitte sag mir, dass du dafür irgend ’ne Erklärung hast.«

Jewel senkte den Blick und verneinte. Darauf schien sie tatsächlich keine Antwort zu haben. Zum Abschied zog sie einen Stapel Bücher aus ihrem Rucksack und lud alles auf Tylers Nachtschränkchen ab. »Hier Harry, damit es dir im Krankenflügel nicht langweilig wird.«

»Der Tarnumhang wär mir lieber gewesen. Aber trotzdem danke, Hermine.«

Es vergingen dreizehn endlose Tage. Tyler hätte schwören können, dass in dieser Zeit jedes jemals entwickelte Gerät an ihm ausprobiert wurde. Noch schlimmer waren jedoch die Gespräche mit einer spindeldürren, älteren Frau, die statt Arztkitteln immer viel zu weite, grob gestrickte Pullover trug. Ihr Anblick erinnerte Tyler stets an eine im Netz gefangene Sprotte. Insgesamt sechs Mal musste er sich bei ihr einfinden und Fragen zu seiner Kindheit, dem Verhältnis zu seinen Eltern, seiner Schwester und Freunden beantworten. Die Psychologin durchpflügte sein gesamtes Leben, um herauszufinden, ob der Zusammenbruch womöglich durch seelische Probleme ausgelöst wurde. Tyler versicherte ihr schon beim ersten Treffen, dass er keinen Dachschaden habe und die Sitzungen überflüssig seien. Dr. Kinford blieb jedoch unerbittlich und schläferte ihn mit ihrer trägen Stimme Stunde um Stunde aufs Neue ein.

Was er ihr wohlweislich verschwieg und auch niemandem anderen erzählte, war die Tatsache, dass sein Kopf neuerdings wirklich verrückt spielte. Seine Sinne schienen sich willkürlich, mal für Augenblicke, mal für mehrere Minuten, zu schärfen. Mit einem Mal filterten sie Details aus der Umgebung heraus, die normalerweise weit außerhalb ihrer Reichweite lagen. Eine speziell in diesem Gebäude unerfreuliche Fähigkeit. Es fühlte sich so an, als wenn man unbeabsichtigt einen Radiosender rein bekam, der genauso schnell wieder verschwand. So schnappte er nicht nur hin und wieder Gesprächsfetzen aus anderen Räumen auf, sondern auch die Geräusche, die deren Patienten von sich gaben. Zum Beispiel Mister Callaham aus Zimmer 3.17, der jeden seiner Blähungsschübe mit einem Rülpser flankierte. Oder die alte Miss Harris aus 3.05, die zum Takt der im Fernseher gespielten Musik die Zähne klappern ließ. Dass seine Nase zudem genau dann übers Ziel hinaus schoss, als auf der gesamten Etage die Katheterbeutel gewechselt wurden, ließ ihn sein neues Talent verfluchen.

Leider konnte er es weder bewusst einsetzen, noch in irgendeiner Form kontrollieren. Tyler hoffte inständig, dass es sich nur um temporäre Nachwirkungen seines Sturzes handelte.

Erstmalig lernte Tyler, diese Fähigkeit jedoch zu schätzen, als er im Stationszimmer zum Gesprächsthema der Schwestern wurde. Eine von ihnen gestand ihren Kolleginnen doch tatsächlich, dass sie Tylers gedankenversunkenen Blick und seine Surferfrisur total niedlich fände. Gemessen daran, dass Tyler seinen Haaren und seiner Optik im Allgemeinen kaum Aufmerksamkeit schenkte, ein unerwartetes Kompliment. Leider gab sie sich bis zu seiner Entlassung nicht zu erkennen. Aber selbst eine unbekannte Verehrerin fühlte sich gut an.

Eines Morgens war es endlich so weit. Dr. Richards verkündete zur Visite, dass nach Auswertung aller Tests und Untersuchungen sein Zusammenbruch zwar weiterhin rätselhaft sei, Tyler sich aber ansonsten einer außerordentlichen Gesundheit erfreue. Da die Sprotte ihm zudem ein intaktes seelisches Gleichgewicht bescheinigte, stand einer Entlassung nichts mehr im Wege. Man legte ihm lediglich nah, es mit dem Sport ruhiger angehen zu lassen und bei einem erneuten Blackout oder anderen ungewöhnlichen Symptomen sofort wieder Kontakt aufzunehmen. Tyler willigte ein und entsorgte die Karte des Arztes wenig später im Papierkorb. Ausgestattet mit zahlreichen Ratschlägen und einer Ladung Vitaminpräparate, deren Geschmack extrem ungesund war, verließ Tyler das Krankenhaus.

Kapitel 6 – Das Moriet Haus (Auszug)

Die Osbornes fuhren besagte Straße entlang und sprachen über ihr unfassbares Glück, ohne auch nur die Spur einer Erklärung zu finden. Sie betrachteten die zu beiden Seiten vorbeiziehenden Cafés und Geschäfte.

»Schaut euch die Leute an. Das ist keine Stadt, sondern ein Open Air Altersheim«, motzte Jewel.

»Ach, hör auf, immer zu meckern. Du siehst schneller so aus, als dir lieb ist«, erwiderte Lauren.
»Wohl kaum. Lieber tret ich vorher ab.«

»Klar doch Jey, lässt sich einrichten. Dad, würde es dir was ausmachen, meine nervige Schwester aus dem Auto zu werfen?«

Robert, der gerade einen John-Lennon-Klassiker im Radio mitpfiff, merkte an, dass er für Gewaltverbrechen gleich welcher Art nicht zur Verfügung stehe.

»Halt lieber die Klappe Ty. Sonst überanstrengst du dich noch und wir müssen dich wieder einliefern.«

»Und das von einer, die nur wegen ’nem Taylor Swift Konzert stundenlang Schnappatmung hatte.«

»Sagt gerade die Memme, die sogar an der Urne von Prince noch losflennen würde.«

Bevor Tyler erneut nachlegen konnte, ging Lauren dazwischen. »Auszeit Kinder!«

Sie durchquerten nun eine gepflegte, von einschüchterndem Wohlstand zeugende Häuserlandschaft, die sich vor der Kulisse des angrenzenden Waldes sonnte. Kurze Zeit später stoppte Robert den Wagen. Er streckte seinen Kopf aus dem Seitenfenster, um besser sehen zu können. Sie standen vor einem schmiedeeisernen Tor, das von Steinsockeln mit feenähnlichen Figuren darauf flankiert wurde. Sein Gitter sowie die umlaufende Mauer waren von Beerensträuchern, Wildblumen und Blattwerk komplett durchdrungen.

»Ich denke, hier sind wir richtig. Von den Villen in der Siedlung passt keine so recht auf die Beschreibung, oder?«

»Nein, ich denke nicht, Liebling. Sehen alle viel zu geschniegelt und vor allem bewohnt aus«, antwortete Lauren. Sie glitt aus dem Wagen. »Schauen wir einfach mal …«

Auch Tyler stieg aus und nahm das Tor näher in Augenschein. Er stellte sich ganz nah davor, um zwischen den Sträuchern ins Innere blicken zu können. Vergebens. Die daran hängenden Beeren bildeten stattdessen das Wort Freund. Bitte was? Pflanzen bildeten keine Wörter. Tyler musste halluzinieren. Er machte einen Schritt zurück, um das komplette Tor betrachten zu können. Sein Mund klappte auf. Da stand tatsächlich etwas – in Beerenschrift. Sogar ganze Zeilen Text. Ein Reim. »Mom, bitte sag mir, dass du das auch siehst!«

Lauren starrte erst verständnislos auf das Tor. Dann las sie vor:

Bist du ein Freund, der vor mir steht,
und deine Absicht samt Gewissen rein.
Dann scheu dich nicht, voranzuschreiten,
die Natur wird dir gewogen sein.
Treibt jedoch Arglist dich hierher,
so sei gewarnt, nimm dich in Acht.
Dein Eintritt könnte teuer werden,
in mir auch weitaus Finstres wacht.

Sie blickten sich stirnrunzelnd an. »Also entweder hat sich deine Schwester wieder einen Scherz erlaubt und uns irgendwas ins Essen gemischt oder dieser Busch spricht tatsächlich zu uns. Wie ist so was nur möglich? Ein Glück, dass unsere Absichten nur die Besten sind. Ty, schau doch mal, ob du das Tor aufkriegst!«

Als Tyler das Torgitter berührte, fegte ein Windstoß hindurch und ließ einen ganz gewöhnlichen Beerenstrauch zurück.

»Nicht verschlossen.« Er öffnete beide Flügel, die ihren Unmut durch unheilvolles Quietschen kundtaten.

Sie traten hindurch. Fanden sich auf einem unbefestigten Weg wieder, der sich die Anhöhe hinauf schlängelte. Soeben noch inmitten eines piekfeinen Wohnviertels, hatten sie sich nun in eine urwüchsige, geheimnisvolle Szenerie verirrt. Sie schritten unter den Augen hoher Baumwächter voran, die prompt in Aufruhr gerieten und sich die Neuigkeit von Wipfel zu Wipfel zuzuflüstern schienen. Bald schon waren sie allein. Sie folgten dem von Ästen mit herabhängenden Wedeln eingesponnenen Weg. Lediglich die Sonne blieb ihnen treu und blinzelte, wann immer es ihr möglich war, aufmunternd durchs Blätterdach herein. Nach etwa zehn Minuten kam der Himmel wieder zum Vorschein. Zeitgleich gab der Wald das Herz des Anwesens preis.

Tyler erschauderte, als wenn man ihn mit Eiswasser übergossen hätte. Inmitten ungezügelter Natur ragte ein Haus auf. Ein Haus, das er bereits kannte, ohne jemals hier gewesen zu sein. Dass sich seit seinem letzten Blackout ins Gedächtnis regelrecht eingebrannt hatte. Welches er seither in seinen Träumen aufsuchte, ohne jemals hineinzugelangen. Jetzt wahrhaftig vor ihm zu stehen, überwältigte und verunsicherte ihn zugleich.

Das Moriet-Haus war zwar eindeutig von Menschenhand erbaut, schien andererseits aber einfach aus dem Boden herausgewachsen zu sein. Seine Vorderseite wurde von Naturstein und vornehmen Rundbogenfenstern dominiert. Überall wanden sich jedoch auch die Äste eines gigantischen Baumes wie Sehnen durch dessen Körper. Die stattlichsten von ihnen brachen in Dachhöhe wieder hervor, um ihre Wipfel wie schützende Hände über die Glaskuppel des Hauses zu legen. Im Zentrum befand sich eine runde Tür, die vielmehr einem Mund ähnelte. Sie verlieh dem Haus die Aura eines erstaunten Gesichtes, dessen Fenster die Neuankömmlinge nun beobachtete. Noch während Tyler die Eindrücke zu verarbeiten versuchte, kam sein Dad die Auffahrt hinauf gefahren. Er parkte das Fahrzeug neben einem Springbrunnen, aus dessen Mitte ihnen eine marmorne Frau entgegen lächelte.

»Eine tolles Haus, wirklich. Der Anzug hat gelogen. Es ist nicht sanierungsbedürftig, sondern reif für die Abrissbirne.« Jewel trat zwischen Tyler und ihre Mom. »Ok, nun haben wir‘s gesehen. Können wir wieder fahren?«

Leider hatte Tylers Schwester nicht unrecht. Zum Zeitpunkt seiner Entstehung musste das Haus trotz der bizarren Architektur ein prächtiges Gebäude gewesen sein. Nun aber sah es irgendwie bemitleidenswert aus. Während sich zwischen den Steinen Moosschwämme ausbreiteten, war das Unkraut wild entschlossen, die Fassade zu erobern. Die Fensterrahmen hingen altersschwach in ihren Angeln und schälten sich in der Sonne. Ihre Scheiben konnte man unter Spinnweben, Laub und Schmutz nur noch erahnen. Selbst das Dach musste sich in ähnlich marodem Zustand befinden, was man aufgrund der Höhe jedoch nicht näher ergründen konnte.

Auch das umlaufende Grundstück war von der Vegetation geradezu verschluckt. Wucherten an einer Stelle Kürbisse, Knollen- und Blattgemüse friedlich am Boden, rangen ein Stück weiter wilde Rosen mit Holunderbüschen um das Territorium. Zudem entdeckte Tyler einige ihm gänzlich unbekannte Pflanzen. Er vernahm in der Ferne das Rauschen aufbrandender Wellen. Obwohl am Boden von der Natur komplett eingeschlossen, musste man von den oberen Etagen einen famosen Blick auf den Atlantik haben.

Während die anderen sich zweifelsohne noch damit aufhielten, die äußerlichen Mängel des Hauses aufzulisten, war Tyler bereits einmal drum herum gelaufen. Zurück an der Tür, dem einzigen sichtbaren Zugang, überprüfte er nun, ob man nicht doch hinein gelangen konnte. Wer weiß, vielleicht war dieser Moriet nicht nur verrückt genug, völlig Fremden sein Haus zu vermachen, sondern ließ dieses auch gleich unverschlossen?

Zu Tylers Enttäuschung wirkte gerade die Tür ausgesprochen stabil. Seltsamerweise hatte sie keine Klinke. Bei genauerer Inspektion stellte er fest, dass es nicht mal ein Schlüsselloch gab. Dafür befand sich rechter Hand das Endstück eines Horns, dessen Körper in die Wand eingelassen war. Tyler hielt nach seiner Familie Ausschau. Vermutlich überredete Jewel die anderen gerade, hinter dem Haus Bodenproben zu entnehmen, um die Verseuchung des Erdreiches nachzuweisen.

Tyler traf ein Windstoß und ihn damit fast der Schlag. Hinter ihm war lautlos aber deutlich spürbar die Eingangstür aufgesprungen. Nachdem sich sein Puls einigermaßen beruhigt hatte, lugte er ins Innere. Niemand zu sehen. Er fasste sich Mut, trat hinein und fand sich kurz darauf in einer Art Foyer mit kunstvollen Holzvertäfelungen und Spiegeln wieder. An der rückseitigen Wand mündete der Raum in eine gewölbte Doppeltür, dessen Flügel einen Spalt offen standen. Licht drang hindurch. Tyler durchschritt den Vorraum, drückte nach kurzem Zögern eine der Türhälften weiter auf und spähte hinein.

Der Anblick, der sich ihm nun bot, raubte ihm erneut kurzzeitig die Luft. Vor Tyler baute sich eine Art Ballsaal auf, der einen aberwitzigen Kontrast zur Hülle des Hauses bildete. Ihn überkam das Gefühl, in einem Jules-Verne-Roman erwacht zu sein.

Unter dem komplett aus Glas bestehenden Boden der Halle floss eine Art Mahlstrom. Umkreiste ein Wappen in seinem Zentrum, dass die Symbole Auge, Welle, Flamme und Kralle vereinte und um dessen Achse kleinere, kryptische Zeichen wie Zeiger eines Uhrwerks wanderten.

Kaum weniger imposant fand Tyler die ebenfalls gläserne Kuppeldecke. Die über ihr schwebenden Baumkronen blickten wie riesenhafte Zuschauer in ein Amphitheater hinab, was die geheimnisvolle Aura der Halle zusätzlich verstärkte. Auch in der Decke fanden sich farbenfrohe Kristallsymbole. Die Sonnenstrahlen fluteten den Raum somit nicht nur mit Licht, sondern projizierten beim Durchdringen die Kristalle in den Raum. Es entstand unwillkürlich der Eindruck, als wenn Edelsteine schwerelos durch den Raum trieben.

Tyler zuckte zusammen. Er wurde beobachtet. Auf den zweiten Blick stellte er erleichtert fest, dass es sich nur um eine Statue handelte. Eine höchst ungewöhnliche Statue. Er näherte sich neugierig. Die Statue starrte von einem Sockel auf dem Absatz der Treppe zu ihm herab. Tyler starrte zurück. Was für ein Wesen sollte sie bitte darstellen? Ihr Körper war dem eines Menschen nicht unähnlich, wenn man mal von dem Schwanz absah, der drohend wie ein Skorpionenstachel hinter ihr emporragte. Auch ihr Schädel hatte humanoide, aber unverkennbar auch echsenhafte Züge. Als wenn dies nicht eindrucksvoll genug wäre, schien die Statue in Flammen zu stehen, da sich die Sonnenstrahlen rastlos flimmernd auf ihrem Schuppenpanzer brachen. Ihre ganze Erscheinung strahlte gleichermaßen Weisheit und Güte, aber auch die Autorität und Macht eines Feldherren aus. Offensichtlich fungierte sie aus genau diesen Gründen als symbolischer Wächter.

Tyler stieg an der Statue vorbei die Treppe empor. Dabei achtete er darauf, dieser nicht seinen Rücken anzubieten, obwohl das rationell gesehen natürlich Blödsinn war. Das Haus besaß drei Etagen mit einer beachtlichen Anzahl von Zimmern. Tyler fühlte sich, als wenn er in ein unbekanntes Reich vordrang. Kein Raum glich in Form und Größe dem nächsten. Sie schienen nach Lust und Laune der Natur einfach gewachsen zu sein. Auch durch die Zimmer schlängelten sich ungeniert belaubte Äste des Baumes hinein und wieder heraus. Es hatte etwas Anatomisches, als wenn die Adern des Hauses offen lagen. Gepaart mit einem Mobiliar aus dunklen Hölzern, die ebenso meisterlich wie die überall zu findenden Schnitzereien und Skulpturen gearbeitet waren, entstand der bizarre Eindruck eines Baumhaus-Palastes. Eines sehr gemütlichen wohlbemerkt.

Als Tyler glaubte, nicht erneut in Erstaunen versetzt werden zu können, fand er zurück im Erdgeschoß einen Raum, der genau das schaffte. Er kam vor einer Art Gartenpforte zum Stehen. Durch die hineingeschmiedeten Ornamente drang Sonnenlicht in den Gang und malte Blumen auf den Boden. Tyler trat ein. Er fand sich auf einer Wiese wieder. Einer echten Wiese voll farbenfroher, duftender Blumen und Sträucher. Und langen Grashalmen, die ihn an den Knöcheln kitzelten. Vor ihm erstreckte sich tatsächlich ein kleiner Park samt eigenem Wäldchen, Seerosenteich mit darüber kreisenden Schmetterlingen und einer am Ufer stehenden Sitzbank. Allein dieser Raum war größer, als das gesamte Haus von außen wirkte. Erneut zweifelte Tyler an seinem Urteilsvermögen.

Über ihm reckte sich die Krone des Baumgiganten unter dem ebenfalls gläsernen Dach. Tauchte Teile des Parks in lauschigen Schatten, während seine Arme in den umliegenden Wänden verschwanden. Offensichtlich befand er sich im Herz des Gebäudes. Wie ein solches Wunderwerk möglich war und wofür ein Mensch trotz eigenen Grundstücks eine Oase mitten im Haus benötigte, lag jedoch weit außerhalb seiner Vorstellungskraft.

Tyler entdeckte eine Wendeltreppe, die sich von Rosenbüschen gut getarnt in die Höhe schraubte. Tyler stieg hinauf und fand sich in dem kleinen Turm wieder, den er bereits von außen bemerkt hatte. Ein kreisrunder Raum, der sich als Sternwarte entpuppte. Noch bevor er die Warte näher in Augenschein nehmen konnte, vernahm er jedoch Stimmen. Er machte augenblicklich kehrt, hastete die Treppe hinunter, quer durch den Park und den Flur, zurück in die Kuppelhalle, in der soeben seine Familie eingetroffen war …

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