Auszug aus Kapitel 6 "Das Moriet-Haus"​

Die Osbornes fuhren besagte Straße entlang und sprachen über ihr Glück, ohne auch nur die Spur einer Erklärung zu finden. Sie betrachteten die zu beiden Seiten vorbeiziehenden Cafés und Geschäfte.
»Schaut euch die Leute an. Das ist keine Stadt, sondern ein Open Air Altersheim«, motzte Jewel.
»Ach, hör auf, immer zu meckern. Du siehst schneller so aus, als dir lieb ist«, erwiderte Lauren.
»Wohl kaum. Lieber tret ich vorher ab.«
»Klar doch Jey, lässt sich einrichten. Dad, würde es dir was ausmachen, meine nervige Schwester aus dem Auto zu werfen?«
Robert, der gerade einen John-Lennon-Klassiker im Radio mitpfiff, merkte an, dass er für Gewaltverbrechen gleich welcher Art nicht zur Verfügung stehe.
»Halt lieber die Klappe Ty. Sonst überanstrengst du dich noch und wir müssen dich wieder einliefern.«
»Und das von einer, die nur wegen ’nem Taylor Swift Konzert stundenlang Schnappatmung hatte.«
»Sagt gerade die Memme, die sogar an der Urne von Prince noch losflennen würde.«
Bevor Tyler erneut nachlegen konnte, ging Lauren dazwischen. »Auszeit Kinder!«
Sie durchquerten nun eine gepflegte, von einschüchterndem Wohlstand zeugende Häuserlandschaft, die sich vor der Kulisse des angrenzenden Waldes sonnte. Kurze Zeit später stoppte Robert den Wagen. Er streckte seinen Kopf aus dem Seitenfenster, um besser sehen zu können. Sie standen vor einem schmiedeeisernen Tor, das von Steinsockeln mit feenähnlichen Figuren flankiert wurde. Sein Gitter sowie die umlaufende Mauer waren von Beerensträuchern, Wildblumen und Blattwerk komplett durchdrungen.
»Ich denke, hier sind wir richtig. Von den Villen in der Siedlung passt keine so recht auf die Beschreibung, oder?«
»Nein, ich denke nicht, Liebling. Sehen alle viel zu gepflegt und vor allem bewohnt aus«, antwortete Lauren. Sie glitt aus dem Wagen. »Schauen wir einfach mal …«
Auch Tyler stieg aus und nahm das Tor näher in Augenschein. Er stellte sich ganz nah davor, um zwischen den Sträuchern ins Innere blicken zu können. Vergebens. Er berührte das Eisengitter und spürte, wie es nachgab. »Nicht verschlossen.« Er öffnete beide Flügel, die ihren Unmut durch unheilvolles Quietschen kundtaten.
Sie traten hindurch. Fanden sich auf einem unbefestigten Weg wieder, der sich die Anhöhe hinauf schlängelte. Soeben noch inmitten eines piekfeinen Wohnviertels, hatten sie sich nun in eine urwüchsige, geheimnisvolle Szenerie verirrt. Sie schritten unter den Augen hoher Baumwächter voran, die prompt in Aufruhr gerieten und sich die Neuigkeit von Wipfel zu Wipfel zuzuflüstern schienen. Bald schon waren sie allein. Folgten einem von Ästen mit herabhängenden Wedeln eingesponnenen Weg. Lediglich die Sonne blieb ihnen treu und blinzelte, wann immer es ihr möglich war, aufmunternd durchs Blätterdach herein. Nach etwa zehn Minuten kam der Himmel wieder zum Vorschein. Zeitgleich gab der Wald das Herz des Anwesens preis.
Tyler erschauderte, als wenn man ihn mit Eiswasser übergossen hätte. Inmitten ungezügelter Natur ragte ein Haus auf. Ein Haus, das er bereits kannte, ohne jemals hier gewesen zu sein. Ein Haus, das sich seit dem letzten Blackout in sein Gedächtnis förmlich eingebrannt hatte. Welches er seither in seinen Träumen aufsuchte, ohne jemals hineinzugelangen. Jetzt wahrhaftig vor ihm zu stehen, überwältigte und verunsicherte ihn zugleich.
Das Moriet-Haus war zwar eindeutig von Menschenhand erbaut, schien andererseits aber einfach aus dem Boden herausgewachsen zu sein. Seine Vorderseite wurde von Naturstein und vornehmen Rundbogenfenstern dominiert. Überall wanden sich jedoch auch die Äste eines gigantischen Baumes wie Sehnen durch dessen Körper. Eines Baumes, der unbestreitbar azurblau schimmernde Laubblätter trug. Die stattlichsten von ihnen brachen in Dachhöhe wieder hervor, um ihre Wipfel wie schützende Hände über die Glaskuppel des Hauses zu legen. Im Zentrum befand sich eine runde Tür, die vielmehr einem Mund ähnelte. Sie verlieh dem Haus die Aura eines erstaunten Gesichtes, dessen Fenster die Neuankömmlinge nun beobachtete. Noch während Tyler die Eindrücke zu verarbeiten versuchte, kam sein Dad die Auffahrt hinauf gefahren. Er parkte das Fahrzeug neben einem Springbrunnen, aus dessen Mitte ihnen eine marmorne Frau entgegen lächelte.
»Eine tolles Haus, wirklich. Der Anzug hat gelogen. Es ist nicht sanierungsbedürftig, sondern reif für die Abrissbirne.« Jewel trat zwischen Tyler und ihre Mom. »Ok, nun haben wir‘s gesehen. Können wir wieder fahren?«
Leider hatte Tylers Schwester nicht unrecht. Zum Zeitpunkt seiner Entstehung musste das Haus trotz der bizarren Architektur ein prächtiges Gebäude gewesen sein. Nun aber sah es irgendwie bemitleidenswert aus. Während sich zwischen den Steinen Moosschwämme ausbreiteten, war das Unkraut wild entschlossen, die Fassade zu erobern. Die Fensterrahmen hingen altersschwach in ihren Angeln und schälten sich in der Sonne. Ihre Scheiben konnte man unter Spinnweben, Laub und Schmutz nur noch erahnen. Das Dach konnte sich kaum in besserem Zustand befinden, was man aufgrund der Höhe jedoch nicht überprüfen konnte.
Auch das umlaufende Grundstück war von der Vegetation geradezu verschluckt. Wucherten an einer Stelle Kürbisse, Knollen- und Blattgemüse friedlich am Boden, rangen ein Stück weiter wilde Rosen mit Holunderbüschen um das Territorium. Zudem entdeckte Tyler einige ihm gänzlich unbekannte Pflanzen. Er vernahm in der Ferne das Rauschen aufbrandender Wellen. Obwohl am Boden von der Natur komplett eingeschlossen, musste man von den oberen Etagen einen famosen Blick auf den Atlantik haben.
Während die anderen sich zweifelsohne noch damit aufhielten, die äußerlichen Mängel des Hauses aufzulisten, war Tyler bereits einmal drum herum gelaufen. Zurück an der Tür, dem einzigen sichtbaren Zugang, überprüfte er nun, ob man nicht doch hinein gelangen konnte. Wer weiß, vielleicht war dieser Moriet nicht nur verrückt genug, völlig Fremden sein Haus zu vermachen, sondern ließ dieses auch gleich unverschlossen?
Zu Tylers Enttäuschung wirkte gerade die Tür ausgesprochen stabil. Seltsamerweise hatte sie keine Klinke. Bei genauerer Inspektion stellte er fest, dass es nicht mal ein Schlüsselloch gab. Dafür befand sich rechter Hand das Endstück eines Horns, dessen Körper in die Wand eingelassen war. Tyler hielt nach seiner Familie Ausschau. Vermutlich überredete Jewel die anderen gerade, hinter dem Haus Bodenproben zu entnehmen, um die Verseuchung des Erdreiches nachzuweisen.
Tyler trat auf den Türabsatz. Augenblicklich fegte ein Windstoß durch ihn hindurch und trug ihm folgende Worte zu:
Bist du ein Freund, der vor mir steht,
und deine Absicht samt Gewissen rein?
Dann scheu dich nicht, voranzuschreiten,
die Natur wird dir gewogen sein.
Treibt jedoch Arglist dich hierher,
so sei gewarnt, nimm dich in Acht.
Dein Eintritt könnte teuer werden,
in mir auch weitaus Finstres wacht.
Tyler blieb wie angewurzelt stehen. Sein Gehör musste ihm einen Streich spielen. Und doch war die Warnung so deutlich vernehmbar gewesen, dass sie in seinen Ohren weiterhin nachklang. Er betrachtete das Türblatt, das aus dem gleichen Holz wie der Baumgigant schien. Tyler fasste sich Mut und berührte die Tür. Für einen Moment glaubte er, das uralte Holz würde atmen. Der Silhouette seiner Handfläche nachgeben. Seine Würdigkeit überprüfen. Dann glitt sie geräuschvoll auf. Nachdem sich sein Puls einigermaßen beruhigt hatte, lugte er ins Innere. Niemand zu sehen. Er fasste sich Mut, trat hinein und fand sich in einer Art Foyer mit kunstvollen Holzvertäfelungen wieder. An der rückseitigen Wand mündete der Raum in eine gewölbte Doppeltür, dessen Flügel einen Spalt offen standen. Licht drang hindurch. Tyler durchschritt den Vorraum, drückte nach kurzem Zögern eine der Türhälften weiter auf und spähte hinein.
Der Anblick, der sich ihm nun bot, raubte ihm erneut kurzzeitig die Luft. Vor Tyler baute sich eine Art Ballsaal auf, der einen aberwitzigen Kontrast zur Hülle des Hauses bildete. Ihn überkam das Gefühl, in einem Jules-Verne-Roman erwacht zu sein.
Unter dem komplett aus Glas bestehenden Boden der Halle floss eine Art Mahlstrom. Umkreiste ein Wappen in seinem Zentrum, dass die Symbole Auge, Welle, Flamme und Kralle vereinte und um dessen Achse kleinere, kryptische Zeichen wie Zeiger eines Uhrwerks wanderten.
Kaum weniger imposant fand Tyler die ebenfalls gläserne Kuppeldecke. Die über ihr schwebenden Baumkronen blickten wie riesenhafte Zuschauer in ein Amphitheater hinab, was die geheimnisvolle Aura der Halle zusätzlich verstärkte. Auch in der Decke fanden sich farbenfrohe Kristallsymbole. Die Sonnenstrahlen fluteten den Raum somit nicht nur mit Licht, sondern projizierten beim Durchdringen die Kristalle in den Raum. Es entstand unwillkürlich der Eindruck, als wenn Edelsteine schwerelos durch den Raum trieben.
Tyler zuckte zusammen. Er wurde beobachtet. Auf den zweiten Blick stellte er erleichtert fest, dass es sich nur um eine Statue handelte. Eine höchst ungewöhnliche Statue. Sie starrte von einem Sockel auf dem Absatz der Treppe zu ihm herab. Tyler starrte zurück. Was für ein Wesen sollte sie bitte darstellen? Ihr Körper war dem eines Menschen nicht unähnlich, wenn man mal von dem Schwanz absah, der drohend wie ein Skorpionenstachel hinter ihr emporragte. Auch ihr Schädel hatte humanoide, aber unverkennbar auch echsenhafte Züge. Als wenn dies nicht eindrucksvoll genug wäre, schien die Statue in Flammen zu stehen, da sich die Sonnenstrahlen rastlos flimmernd auf ihrem Schuppenpanzer brachen. Ihre ganze Erscheinung strahlte gleichermaßen Weisheit und Güte, aber auch die Autorität und Macht eines Feldherren aus. Offensichtlich fungierte sie aus genau diesen Gründen als symbolischer Wächter.
Tyler stieg an der Statue vorbei die Treppe empor. Dabei achtete er darauf, dieser nicht seinen Rücken anzubieten, obwohl das rationell gesehen natürlich Blödsinn war. Das Haus besaß drei Etagen mit einer beachtlichen Anzahl von Zimmern. Tyler fühlte sich, als wenn er in ein unbekanntes Reich vordrang. Kein Raum glich in Form und Größe dem nächsten. Sie schienen nach Lust und Laune der Natur einfach gewachsen zu sein. Auch durch die Zimmer schlängelten sich ungeniert belaubte Äste des Baumes hinein und wieder heraus. Es hatte etwas Anatomisches, als wenn die Adern des Hauses offen lagen. Gepaart mit einem Mobiliar aus dunklen Hölzern, die ebenso meisterlich wie die überall zu findenden Schnitzereien und Skulpturen gearbeitet waren, entstand der bizarre Eindruck eines Baumhaus-Palastes. Eines sehr gemütlichen wohlbemerkt.
Als Tyler glaubte, nicht erneut in Erstaunen versetzt werden zu können, fand er zurück im Erdgeschoß einen Raum, der genau das schaffte. Er kam vor einer Art Gartenpforte zum Stehen. Durch die hineingeschmiedeten Ornamente drang Sonnenlicht in den Gang und malte sie auf den Boden. Tyler trat ein. Er fand sich auf einer Wiese wieder. Einer echten Wiese voll farbenfroher, duftender Blumen und Sträucher. Und langen Grashalmen, die ihn an den Knöcheln kitzelten. Vor ihm erstreckte sich tatsächlich ein kleiner Park samt eigenem Wäldchen, Seerosenteich mit darüber kreisenden Schmetterlingen und einer am Ufer stehenden Bank. Allein dieser Raum war größer, als das gesamte Haus von außen wirkte. Erneut zweifelte Tyler an seinem Urteilsvermögen.
Über ihm reckte sich die Krone des Baumgiganten unter einer ebenfalls gläsernen Decke. Tauchte Teile des Parks in Schatten, während seine Arme in den umliegenden Wänden verschwanden. Offensichtlich befand er sich im Herz des Gebäudes. Wie ein solches Wunderwerk möglich war und wofür ein Mensch trotz eigenen Grundstücks eine Oase mitten im Haus benötigte, lag jedoch weit außerhalb seiner Vorstellungskraft.
Tyler entdeckte eine Wendeltreppe, die sich von Rosenbüschen getarnt in die Höhe schraubte. Er stieg hinauf und fand sich in dem kleinen Turm wieder, den er bereits von außen bemerkt hatte. Ein kreisrunder Raum, der sich als Sternwarte entpuppte. Noch bevor er die Warte näher in Augenschein nehmen konnte, vernahm er jedoch Stimmen. Er machte augenblicklich kehrt, hastete die Treppe hinunter, quer durch den Park, zurück in die Kuppelhalle, in der soeben seine Familie eingetroffen war …

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