Die Osbornes fuhren besagte Straße entlang und sprachen über ihr unfassbares Glück, ohne auch nur die Spur einer Erklärung zu finden. Sie betrachteten die zu beiden Seiten vorbeiziehenden Cafés und Läden.
»Schaut euch die Leute an. Das ist keine Stadt, sondern ein Open Air Altersheim«, motzte Jewel.
»Ach, hör auf, immer zu meckern. Du siehst schneller so aus, als dir lieb ist«, erwiderte Lauren.
»Wohl kaum. Lieber tret ich vorher ab.«
»Klar doch Jey, lässt sich einrichten. Dad, würde es dir was ausmachen, meine nervige Schwester aus dem Auto zu werfen?«
Robert, der gerade einen John-Lennon-Klassiker im Radio mitpfiff, merkte an, dass er für Gewaltverbrechen gleich welcher Art nicht zur Verfügung stehe.
»Halt lieber die Klappe Ty. Sonst überanstrengst du dich noch und wir müssen dich wieder einliefern.«
»Und das von einer, die nur wegen ’nem Taylor Swift Konzert stundenlang Schnappatmung hatte.«
»Sagt gerade die Memme, die sogar an der Urne von Prince noch losflennen würde.«
Bevor Tyler erneut nachlegen konnte, ging Lauren dazwischen. »Auszeit Kinder!«
Sie durchquerten nun eine gepflegte, von einschüchterndem Wohlstand zeugende Häuserlandschaft, die sich vor der Kulisse des angrenzenden Waldes sonnte. Kurze Zeit später stoppte Robert den Wagen. Er streckte seinen Kopf aus dem Seitenfenster, um besser sehen zu können. Sie standen vor einem schmiedeeisernen Tor, das von Steinsockeln mit feenähnlichen Figuren darauf flankiert wurde. Sein Gitter sowie die umlaufende Mauer waren von Beerensträuchern, Wildblumen und Blattwerk regelrecht durchdrungen.
»Ich denke, hier sind wir richtig. Von den Villen in der Siedlung passt keine so recht auf die Beschreibung, oder?«
»Nein, ich denke nicht, Liebling. Sehen alle viel zu geschniegelt und vor allem bewohnt aus«, antwortete Lauren. Sie glitt aus dem Wagen. »Schauen wir einfach mal …«
Auch Tyler stieg aus und nahm das Tor näher in Augenschein. Er stellte sich ganz nah davor, um zwischen den Sträuchern ins Innere blicken zu können. Vergebens. Die daran hängenden Beeren bildeten stattdessen das Wort Freund. Bitte was? Pflanzen bildeten keine Wörter. Tyler musste halluzinieren. Er machte einen Schritt zurück, um das komplette Tor betrachten zu können. Sein Mund klappte auf. Da stand tatsächlich etwas – in Beerenschrift. Sogar ganze Zeilen Text. Ein Reim. »Mom, bitte sag mir, dass du das auch siehst!«
Lauren starrte erst verständnislos auf das Tor. Dann las sie vor:
Bist du ein Freund, der vor mir steht,
und deine Absicht samt Gewissen rein.
Dann scheu dich nicht, voranzuschreiten,
die Natur wird dir gewogen sein.
Treibt jedoch Arglist dich hierher,
so sei gewarnt, nimm dich in Acht.
Dein Eintritt könnte teuer werden,
in mir auch weitaus Finstres wacht.
Sie blickten sich stirnrunzelnd an. »Also entweder hat sich deine Schwester wieder einen Scherz erlaubt und uns irgendwas ins Essen gemischt oder dieser Busch spricht tatsächlich zu uns. Wie ist so was nur möglich? Ein Glück, dass unsere Absichten nur die Besten sind. Ty, schau mal, ob du das Tor aufkriegst!«
Als Tyler das Torgitter berührte, fegte ein Windstoß hindurch und ließ einen ganz gewöhnlichen Beerenstrauch zurück.
»Nicht verschlossen.« Er öffnete beide Flügel, die ihren Unmut durch unheilvolles Quietschen kundtaten.
Sie traten hindurch. Fanden sich auf einem unbefestigten Weg wieder, der sich die Anhöhe hinauf schlängelte. Soeben noch inmitten eines piekfeinen Wohnviertels, hatten sie sich nun in eine urwüchsige, geheimnisvolle Szenerie verirrt. Sie schritten unter den Augen hoher Baumwächter voran, die prompt in Aufruhr gerieten und sich die Neuigkeit von Wipfel zu Wipfel zuzuflüstern schienen. Bald schon waren sie allein. Sie folgten dem von Ästen mit herabhängenden Wedeln eingesponnenen Weg. Lediglich die Sonne blieb ihnen treu und blinzelte, wann immer es ihr möglich war, aufmunternd durchs Blätterdach herein. Nach etwa zehn Minuten kam der
Himmel wieder zum Vorschein. Zeitgleich gab der Wald das Herz des Anwesens preis.
Tyler erschauderte, als wenn man ihn mit Eiswasser übergossen hätte. Inmitten ungezügelter Natur ragte ein Haus auf. Ein Haus, das er bereits kannte, ohne jemals hier gewesen zu sein. Dass sich seit seinem letzten Blackout ins Gedächtnis regelrecht eingebrannt hatte. Welches er seither in seinen Träumen aufsuchte, ohne jemals hineinzugelangen. Jetzt wahrhaftig vor ihm zu stehen, überwältigte und verunsicherte ihn zugleich.
Das Moriet-Haus war zwar eindeutig von Menschenhand erbaut, schien andererseits aber einfach aus dem Boden herausgewachsen zu sein. Seine Vorderseite wurde von Naturstein und vornehmen Rundbogenfenstern dominiert. Überall wanden sich jedoch auch die Äste eines gigantischen Baumes wie Sehnen durch dessen Körper. Die stattlichsten von ihnen brachen in Dachhöhe wieder hervor, um ihre Wipfel wie schützende Hände über die imposante Glaskuppel des Hauses zu legen. Im Zentrum befand sich eine runde Tür, die vielmehr einem Mund ähnelte. Sie verlieh dem Haus die Aura eines erstaunten Gesichtes, dessen Fenster die Neuankömmlinge nun beobachtete. Noch während Tyler die Eindrücke zu verarbeiten versuchte, kam sein Dad die Auffahrt hinauf gefahren. Er parkte das
Fahrzeug neben einem Springbrunnen, aus dessen Mitte ihnen eine marmorne Frau entgegen lächelte.
»Eine tolles Haus, wirklich. Der Anzug hat gelogen. Es ist nicht sanierungsbedürftig, sondern reif für die Abrissbirne.« Jewel trat zwischen Tyler und ihre Mom. »Ok, nun haben wir‘s gesehen. Können wir wieder fahren?«
Leider hatte Tylers Schwester nicht unrecht. Zum Zeitpunkt seiner Entstehung musste das Haus trotz der bizarren Architektur ein prächtiges Gebäude gewesen sein. Nun aber sah es irgendwie bemitleidenswert aus. Während sich zwischen den Steinen Moosschwämme ausbreiteten, war das Unkraut wild entschlossen, die Fassade zu erobern. Die Fensterrahmen hingen altersschwach in ihren Angeln und schälten sich in der Sonne. Ihre Scheiben konnte man unter Spinnweben, Laub und Schmutz nur noch erahnen. Selbst das Dach musste sich in ähnlich marodem Zustand befinden, was man aufgrund der Höhe jedoch nicht näher ergründen konnte.
Auch das umlaufende Grundstück war von der Vegetation regelrecht verschlungen. Wucherten an einer Stelle Kürbisse, Knollen und Blattgemüse friedlich am Boden, rangen ein Stück weiter wilde Rosen mit Holunderbüschen um das Territorium. Zudem entdeckte Tyler einige ihm gänzlich unbekannte Pflanzen. Er vernahm in der Ferne das Rauschen aufbrandender Wellen. Obwohl am Boden von der Natur komplett eingeschlossen, musste man von den oberen Etagen einen famosen Blick auf den Atlantik haben.
Während die anderen sich zweifelsohne noch damit aufhielten, die äußerlichen Mängel des Hauses aufzulisten, war Tyler bereits einmal drum herum gelaufen. Zurück an der Tür, dem einzigen sichtbaren Zugang, überprüfte er nun, ob man nicht doch hinein gelangen konnte. Wer weiß, vielleicht war dieser Moriet nicht nur verrückt genug, völlig Fremden sein Haus zu vermachen, sondern ließ dieses
auch gleich unverschlossen?
Zu Tylers Enttäuschung wirkte gerade die Tür ausgesprochen stabil. Seltsamerweise hatte sie keine Klinke. Bei genauerer Inspektion stellte er fest, dass es nicht mal ein Schlüsselloch gab. Dafür befand sich rechter Hand das Endstück eines Horns, dessen Körper in die Wand eingelassen war. Tyler hielt nach seiner Familie Ausschau. Vermutlich überredete Jewel die anderen gerade, hinter dem Haus Bodenproben zu entnehmen, um die Verseuchung des Erdreiches nachzuweisen.
Tyler traf ein Windstoß und ihn damit fast der Schlag. Hinter ihm war lautlos aber deutlich spürbar die Eingangstür aufgesprungen. Nachdem sich sein Puls einigermaßen beruhigt hatte, lugte er ins Innere. Niemand zu sehen. Er fasste sich Mut, trat hinein und fand sich in einer Art Foyer mit kunstvollen Holzvertäfelungen und Spiegeln wieder. An der rückseitigen Wand mündete der Raum in eine gewölbte Doppeltür, dessen Flügel einen Spalt offen standen. Licht drang hindurch. Tyler durchschritt den Vorraum, drückte nach kurzem Zögern eine der Türhälften weiter auf und spähte hinein.
Der Anblick, der sich ihm nun bot, raubte ihm erneut kurzzeitig die Luft. Vor Tyler baute sich eine Art Ballsaal auf, der einen aberwitzigen Kontrast zur Hülle des Hauses bildete. Ihn überkam das Gefühl, in einem Jules-Verne-Roman erwacht zu sein. Unter dem komplett aus Glas bestehenden Boden der Halle floss eine Art Mahlstrom. Umkreiste ein Wappen in seinem Zentrum, dass die Symbole Auge, Welle, Flamme und Kralle vereinte und um dessen Achse kleinere, kryptische Zeichen wie Zeiger eines Uhrwerks wanderten.
Kaum weniger imposant fand Tyler die ebenfalls gläserne Kuppeldecke. Die über ihr schwebenden Baumkronen blickten wie riesenhafte Zuschauer in ein Amphitheater hinab, was die geheimnisvolle Aura der Halle zusätzlich verstärkte. Auch in der Decke fanden sich farbenfrohe Kristallsymbole. Die Sonnenstrahlen fluteten den Raum somit nicht nur mit Licht, sondern projizierten beim Durchdringen die Kristalle in den Raum. Es entstand unwillkürlich der Eindruck, als wenn Edelsteine schwerelos durch den Raum trieben.
Tyler zuckte zusammen. Er wurde beobachtet. Auf den zweiten Blick stellte er erleichtert fest, dass es sich nur um eine Statue handelte. Eine höchst ungewöhnliche Statue. Sie starrte von einem Sockel auf dem Absatz der Treppe zu ihm herab. Tyler starrte zurück. Was für ein Wesen sollte sie bitte darstellen? Ihr Körper war dem eines Menschen nicht unähnlich, wenn man mal von dem Schwanz absah, der drohend wie ein Skorpionenstachel hinter ihr emporragte. Auch ihr Schädel hatte humanoide, aber unverkennbar auch echsenhafte Züge. Als wenn dies nicht eindrucksvoll genug wäre, schien die Statue in Flammen zu stehen, da sich die Sonnenstrahlen rastlos flimmernd auf ihrem Schuppenpanzer brachen. Ihre ganze Erscheinung strahlte gleichermaßen Weisheit und Güte, aber auch die Autorität und Macht eines Feldherren aus. Offensichtlich fungierte sie aus genau diesen Gründen als symbolischer Wächter.
Tyler stieg an der Statue vorbei die Treppe empor. Dabei achtete er darauf, dieser nicht seinen Rücken anzubieten, obwohl das rationell gesehen natürlich Blödsinn war. Das Haus besaß drei Etagen mit einer beachtlichen Anzahl von Zimmern. Tyler fühlte sich, als wenn er in ein unbekanntes Reich vordrang. Kein Raum glich in Form und Größe dem nächsten. Sie schienen nach Lust und Laune der Natur einfach gewachsen zu sein. Auch durch die Zimmer schlängelten sich ungeniert belaubte Äste des Baumes hinein und wieder heraus. Es hatte etwas Anatomisches, als wenn die Adern des Hauses offen lagen. Alle Räume wurden aufgrund der hohen, kunstvoll verzierten Fenster von Tageslicht regelrecht durchflutet. Gepaart mit einem Mobiliar aus dunklen Hölzern, die ebenso meisterlich wie die überall zu findenden Schnitzereien und Skulpturen gearbeitet waren, entstand der bizarre Eindruck eines Baumhaus-Palastes. Eines sehr gemütlichen wohlbemerkt.
Als Tyler glaubte, nicht erneut in Erstaunen versetzt werden zu können, fand er zurück im Erdgeschoß einen Raum, der genau das schaffte. Er kam vor einer Art Gartenpforte zum Stehen. Durch die hineingeschmiedeten Ornamente drang Sonnenlicht in den Gang und malte Blumen auf den Boden. Tyler trat ein. Er fand sich auf einer Wiese wieder. Einer echten Wiese voll farbenfroher, duftender Blumen und Sträucher. Und langen Grashalmen, die ihn an den Knöcheln kitzelten. Vor ihm erstreckte sich tatsächlich ein kleiner Park samt eigenem Wäldchen, Seerosenteich mit darüber kreisenden Schmetterlingen und einer am Ufer stehenden Bank. Allein dieser Raum war größer, als das gesamte Haus von außen wirkte. Erneut zweifelte Tyler an seinem Urteilsvermögen.
Über ihm reckte sich die Krone des Baumgiganten unter dem ebenfalls gläsernen Dach. Tauchte Teile des Parks in Schatten, während seine Arme in den umliegenden Wänden verschwanden. Offensichtlich befand er sich im Herz des Gebäudes. Wie ein solches Wunderwerk möglich war und wofür ein Mensch trotz eigenen Grundstücks eine Oase mitten im Haus benötigte, lag jedoch weit außerhalb seiner Vorstellungskraft.
Tyler entdeckte eine Wendeltreppe, die sich von Rosenbüschen gut getarnt in die Höhe schraubte. Er stieg hinauf und fand sich in dem kleinen Turm wieder, den er bereits von außen bemerkt hatte. Ein kreisrunder Raum, der sich als Sternwarte entpuppte. Noch bevor er die Warte näher in Augenschein nehmen konnte, vernahm er jedoch Stimmen. Er machte augenblicklich kehrt, hastete die Treppe hinunter, quer durch den Park und den Flur, zurück in die Kuppelhalle, in der soeben seine Familie eingetroffen war …