Für Vincent Moriet begann ein besonderer Tag, denn es durfte sein Letzter werden. Die ersten Sonnenstrahlen lugten gerade durchs Fenster, als er die Augen aufschlug. Obwohl Moriet ein Alter erreicht hatte, das selbst Meeresschildkröten vor Neid erblassen ließe, schwang er sich federleicht aus dem Bett. Streckte sich ausgiebig. Huschte ins Bad. Erfrischt und in seine beste Garderobe gekleidet, einem burgundfarbenen Dreireiher mit Rüschenbesatz, Filz-Zylinder und schnabelförmigen Stiefeln, betrat er die Galerie seines Hauses. Schritt die Treppe zum Erdgeschoss hinab. Hielt auf dem Mittelabsatz inne. Strich einer Respekt einflößenden Statue über die Schulter.
»Mein lieber Ablecain. Verzeih mir, dass ich eine Steindekade für unseren Abschied wähle. Du weißt doch – ich bekomme von derartiger Gefühlsduselei immer Schluckauf. Alles Wichtige haben wir ja auch hinreichend besprochen. Deshalb mach ich es nun kurz – leb wohl!«
Moriet war bereits unten angekommen, als hinter ihm etwas zu Boden fiel. Er drehte sich noch einmal um und sah einen Gegenstand die Stufen hinunterrollen, der sich soeben aus dem Torso der Statue gelöst haben musste. Moriet machte einen Schlenker mit dem Zeigefinger, worauf er auf ihn zu schwebte.
»Du beschämst mich, treuer Freund. Ein derartiges Geschenk habe ich nicht verdient.« Moriet betrachtete das rötlich schimmernde Kleinod auf seinem Handteller. »Die Schuppe der Draxa. Faszinierend. Nun hast du es doch geschafft, dass ich sentimental werde. Ich danke dir. Für alles.«
Er wand sich ab, um die Kuppelhalle zu durchqueren, wurde jedoch erneut aufgehalten. Von allen Seiten tanzten pulsierende Funken auf ihn zu. Kreisten nun wie ein Schleier aus Glühwürmchen um den alten Mann. Moriet seufzte vergnügt und deutete eine Verbeugung an.
Die winzigen Geschöpfe lösten sich aus ihrer Formation. Sanken zu Boden, um dort die Silhouette eines Schuhs anzunehmen. Ein Zweiter folgte und schon wuchsen Beine empor, die Augenblicke später in einem zierlichen Körper mündeten. Zum Abschluss formten die Funken das Antlitz einer Frau.
Vor Moriet richtete sich eine Gestalt auf, die ihn von Liebe erfüllt anlächelte. Noch bevor er zu einer Reaktion imstande war, ergriff sie seine Hände, zog sich heran und stieß beide sacht mit den Füßen ab, wodurch sie nun vereint in der Halle schwebten. Eine Zeit lang trieben sie anmutig unter der gläsernen Kuppel und überstrahlten sogar die hereinscheinende Sonne.
Als das Paar wieder zu Boden sank, schien die Welt um sie herum nicht mehr zu existieren. Moriets Blick wurde glasig. Die Frau schüttelte unmerklich ihren Kopf, umfasste sein Gesicht und küsste ihn.
Ihre Lippen lösten sich und die Gestalt zerstob wieder in unzählige Funken, die sich in die Tiefen des Hauses zurückzogen.
Moriet verweilte noch einen Augenblick mit geschlossenen Augen. »Für diese Erinnerung werde ich auf ewig in eurer Schuld stehen. Unendlichen Dank.«
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging nun rasch auf die Eingangstür zu. Prompt schwang diese wie von Geisterhand auf. Moriet trat ins Freie und machte erst am alten Springbrunnen inmitten seines Grundstücks halt. An den Rand des Beckens gelehnt, ließ er die Kühle an seinen Fingern emporwabern. Betrachtete ein letztes Mal die naturdurchwebte Silhouette seines Hauses.
Der Frühling hatte im Küstenstädtchen Old Sendina bereits Einzug gehalten, auch wenn dies zur frühen Stunde noch nicht spürbar war. Moriet stellte seinen Kragen auf, vergrub die Hände in den Taschen und setzte sich in Bewegung. Vom Meer fegte ein Windstoß herauf, der die Blätter und Sträucher zu einem Abschiedsgruß in Wallung versetzte.
Einige Minuten später passierte er das Tor seines Grundstücks. Zeitgleich verriegelte sich die Eingangstür zum Moriet-Haus wieder und das Wasser des Brunnens wurde von Rastlosigkeit erfasst. Es schwoll immer weiter an, bis es sich fontänenartig entlud und an einer neu entstandenen Figur zurück ins Becken glitt. Eine Skulptur zierte nun den Brunnen, die in detailreduzierter Eleganz der Lichtgestalt ähnelte.
»Guten Morgen Mrs. Henderson, verzeihen Sie meine Eile! Ich wünsche Ihnen dennoch einen sensationsträchtigen Tag«, kam Moriet wenig später einer Frau zuvor, die zwischen ihren Rosenbüschen auftauchte.
Außer Sichtweite normalisierte er seinen Schritt wieder, durchquerte die Villensiedlung, die im Laufe der Zeit um sein Haus entstanden war, und spazierte gen Stadtzentrum. Je näher Moriet diesem kam, desto mehr verästelten sich die Straßen zu Gassen. Manche von ihnen so schmal, dass sich die Markisen der gegenüberliegenden Läden an die Hand nahmen und den Autos die Durchfahrt verweigerten. Old Sendina erwachte gerade zum Leben. Überall schwangen Türen und Fensterläden auf, um Einblick zu gewähren. Schon bald würden die Wege vom Duft gemahlenen Kaffees, frischer Backwaren und betörender Gerüche erfüllt sein, die aus den Tiefen der Geschäfte nach ihm griffen.
Wo immer ihn sein Weg entlangführte, tuschelten die Menschen oder machten sich über seine Erscheinung lustig, sobald er ihnen den Rücken zu kehrte. Denen, die es versäumten ihre Münder zu schließen, wenn er sich ihnen wieder zuwandt, warf er einen wohlwollenden Blick zu und grüßte freundlich.
Moriet erreichte den Marktplatz, den ältesten Teil der Stadt. Dieser hatte sich über die Jahrhunderte nur wenig verändert und wurde von herrschaftlichen Gebäuden aus Sand- und Naturstein sowie einer alles überschattenden, barocken Kuppelkirche bewacht. Moriet konnte sich noch gut an die Jahre ihrer Erbauung erinnern. Er selbst hatte mit einer beträchtlichen Spende dazu beigetragen, auch wenn er dem überbordenden Prunk der irdenen Gotteshäuser skeptisch gegenüberstand.
Er stattete ihr dennoch einen Besuch ab. Anschließend nahm er die Dienste des Rathauses sowie der Post in Anspruch. Als alles zu seiner Zufriedenheit erledigt war, gestattete sich Moriet eine letzte Rast in seinem Lieblingscafé, hielt einen unverfänglichen Plausch mit dem Besitzer Jean-Pierre und genehmigte sich eine Trinkschokolade mit Schuss.
Moriet setzte seinen Weg fort und gelangte bald zum Stadtrand. Er bemerkte einen Adler, der weit über ihm seine Kreise zog. Sein Anblick entlockte ihm ein Schmunzeln.
Üblicherweise wandten sich Spaziergänger nun dem Meer zu, welches in Old Sendinas altehrwürdigen Hafen mündete. Die Fischer und Händler hatten im Schatten der Zypressen um diese Zeit bereits ihre Stände aufgebaut. Farbenfrohe Schirme waren gespannt, um den kleinen Restaurants darunter Geborgenheit zu spenden. Einheimische und Besucher flanierten entlang des Piers, sogen einen Hauch Atlantik in sich auf und bewunderten die vor Anker liegenden Boote. Wahrscheinlich war auch der alte Seebär mit seinem Schifferklavier längst vor Ort, um sich für ein paar Cent von Tisch zu Tisch zu spielen. Gegen zehn traf dann die Fähre vom Festland ein und spülte weitere Gäste in den Hafen. Früher hatte er sich gern unter sie gemischt.
Moriet zögerte einen Moment, schlug jedoch eine andere Richtung ein. Er betrat einen unscheinbaren Trampelpfad, der von der Straße abging und innerhalb weniger Minuten in den angrenzenden Wald führte.
Als er die ersten Schritte hinein tat, begrüßte ihn der Atem der Natur. Stille legte sich wie ein behaglicher Umhang über ihn.
Moriet mochte diesen Wald. Von den Menschen weitestgehend ungestört, lebten hier mächtige Steineichen und Kastanien friedlich im Einklang mit exotischeren Bewohnern wie Pinien und Lorbeerbäumen. Ihre unterschiedlich hohen Kronen sorgten dafür, dass er ein allseitig geschütztes Reich war. Wie zum Beweis versperrten Wurzeln die Wege, während die Finger der Bäume mahnend auf Eindringlinge zeigten. Mit etwas Glück konnte man sogar die scheu gewordenen Süntel-Buchen tanzen sehen.
Und dennoch hatte er diesen Wald schon seit Ewigkeiten nicht mehr betreten. Was genau genommen auf die meisten der Einheimischen zutraf. Selbst ein Großteil der Tiere mied diesen Ort, obwohl es kaum einen schöneren Lebensraum für sie geben konnte.
Nach drei Stunden strammen Marsches war Moriet tief ins Herz des Waldes vorgedrungen. Seine Beine meldeten, dass es jetzt kontinuierlich bergauf ging. Obwohl ein Weg schon seit Langem nicht mehr auszumachen war, stapfte er zielstrebig durchs Dickicht weiter. Von Zeit zu Zeit spähte er durch die Baumkronen, wo am Himmel noch immer der Adler zu folgen schien.
Eine weitere Stunde später gelangte Moriet zu einer Lichtung. Die Sonne stand mittlerweile im Zenit. Er setzte seinen Zylinder ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und nahm auf einem verwitterten Baumstamm Platz. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er nun den Adler, welcher spiralförmig in den Sinkflug überging.
Je näher der Raubvogel kam, desto mehr verdeckten seine Schwingen das Sonnenlicht und tauchten die Lichtung in eine bedrohlich nervöse Dunkelheit. Er setzte zur Landung an. In der Furche, die seine Krallen ins Erdreich rissen, hätte eine ganze Damwildfamilie Schutz gefunden. Kaum zum Stillstand gekommen, begann der Adler sich unter scheinbar tollwütigen Schmerzen zu winden. Sein messerscharfer Schnabel zog sich in die Tiefen des Schädels zurück und gab die Sicht auf nicht minder gefährliche Reißzähne frei, die Sekunden später den Kiefer einer absurd großen Raubkatze schmückten. Der gesamte Körper des Wesens war nun in Aufruhr. Das Gefieder wich einem samtig glänzenden Pelz und zwei krallenbewehrte Pranken brachen aus der Brust hervor.
Wenige Augenblicke darauf war das Spektakel vorbei. Anstelle des soeben vom Himmel gestürmten Adlers baute sich ein silbergrauer Panther vor dem alten Mann auf. Selbst wenn es in diesem Wald ein Rudel Löwen gegeben hätte – um dieses Tier würden sie einen weiten Bogen machen.
»Aaah, Kaan – haben mich meine müden Augen nicht getäuscht. Schön, dich wieder zu sehen.« Moriet erhob sich.
»Mutig von dir, her zu kommen«, röchelte ihm der Panther entgegen. »Aber wo ist dein verräterischer Freund? Oder hast du etwa eingesehen …«
»Als wenn es mir jemals an Mut gemangelt hätte. Außerdem habe ich mir nichts vorzuwerfen und ahnte schon, dich hier zu treffen. Ich kann die anderen nicht sehen – du bist ebenfalls allein gekommen?«
»Sie sind verschwunden, beide. Noch am Tag unserer kleinen Meinungsverschiedenheit.«
»Kleine Meinungsverschiedenheit?« Moriet runzelte die Stirn. »Nun ja, ich muss weiter. Begleite mich doch ein Stück.« Er richtete seine Garderobe, stülpte sich den Zylinder wieder auf und stapfte los. Der Panther verharrte noch eine Weile in der Sonne und holte dann mit kraftvollen Sätzen auf. Seite an Seite verließen sie die Lichtung.
»Du hast doch ein bestimmtes Ziel oder soll das nur ein Spaziergang werden?«, fragte Kaan.
»Nun ja, das habe ich tatsächlich. Mein Weg führt mich zur Titanenklippe, wie sie die Menschen nach unserer Ankunft amüsanterweise getauft haben.«
»Was hast du vor?«
»Die jüngsten Ereignisse veranlassen mich, einen lang gehegten Plan bereits heute in die Tat umzusetzen. Aber bitte gedulde dich. Wir sind bald da.«
Sie marschierten einige Minuten nebeneinander her, bis Moriet wieder die Stimme erhob. »Im letzten Jahr stand etwas Merkwürdiges über diesen Wald in der Zeitung …«
»Du verfolgst die Nachrichten der Erdlinge?«
»Menschen. Meiner Art viel ähnlicher, als du wahrhaben möchtest. Und ja, selbstverständlich interessiert mich, was hier geschieht. Ihre Zeitungen sind dafür äußerst nützlich. In selbiger fand ich den Bericht über einen Jäger, der hier auf mysteriöse Weise verunglückt sei – du weißt nicht zufällig etwas darüber?«
Der Panther schnaubte geringschätzig. »Wieso sorgt dich ihr Wohl mehr als das unsere?«
»Davon kann keine Rede sein. Aber auch wir sind hier an Regeln gebunden.«
»Regeln? Niemand zwingt mir seinen Willen auf. Schon gar nicht diese Schwächlinge.«
Moriet blieb abrupt stehen. Die endlosen Jahre hatten das Gesicht des Mannes wie Baumrinde zerfurcht. Während er nun sprach, strafften sich seine Züge, die Altersflecken verblassten und das schlohweiße Haar sowie sein Spitzbart schimmerten in rostbraunem Ton. Wie in Zeitraffer schien die jugendliche Kraft ins Antlitz Moriets zurückzukehren, was seinen Worten dramatischen Nachdruck verlieh. »Das, werter Kaan, ist genau der Denkfehler, der dein Handeln schon seit Ewigkeiten leitet. Wir sind hier die Gäste und nicht anders herum. Ungeladene wohlbemerkt. Von dem, was wir mitbrachten, ganz zu schweigen. Aber das werden besonders Felpiour und du wohl nie verstehen.«
»Die Erdlinge haben es nicht besser verdient. Sie ruinieren ihre Welt früher oder später sowieso. Nichts ist ihnen heilig. Fortlaufend bekriegen und vernichten sie sich. Sie sind rücksichtslos und von diesen Maschinen besessen. Nicht zu vergessen, wie sie die Tiere misshandeln.«
»Nichtsdestotrotz ist es ihre Welt. Die Menschen haben zweifelsohne viele Schwächen, aber hatten wir die nicht ebenso? Haben dich die Jahrhunderte hier vergessen lassen, wie viel Unrecht und Chaos auch bei uns herrschte? Und sind wir nicht genau deshalb hier gestrandet?«
»Jahrhunderte – du sagst es. Zeit zurückzugehen. Was kann hier schon noch passieren?« Kaans Pranken zermalmten mühelos eine aus dem Boden ragende Wurzel, während er seinem Herzen Luft machte. »Ich bin es so unsagbar leid. Diese Einsamkeit. Dieser Wald. Diese ganze verfluchte Welt.«
»Wir wussten, worauf wir uns einließen. Dass es im schlimmsten Fall keine Rückkehr geben wird, war allen bekannt. Apropos Rücksichtslosigkeit.« Moriets Blick glitt zur geborstenen Wurzel, die sich durch frische Triebe wieder nahtlos zusammenfügte.
»Der Rückweg ist aber nicht versperrt. Lass uns den Rat vereinen. Wir haben unsere Schuldigkeit längst erfüllt. Sollen andere hier nun Wache schieben.«
»Ich habe es euch bereits bei unserer letzten Zusammenkunft versucht, zu erklären. Es liegt nicht mehr in meiner Macht. Aber ihr wart ja davon getrieben, mich des Vertrauensbruches zu bezichtigen«, entgegnete Moriet noch immer mit erhobener Stimme, ohne nun jedoch eine Spur Wehmut verbergen zu können. »Meine Kraft schwindet in dieser Welt. Und jetzt scheint sich zu bewahrheiten, was ich schon seit unserer Ankunft insgeheim fürchtete. Wenn das, was mir ein Mensch erst gestern zugetragen hat, tatsächlich stimmt, ist die Anwesenheit eines ungeschwächten Rates hier notwendiger denn je.«
Während er die letzten Worte sprach, schlichen sich die Jahre in Moriets Gesicht zurück. Vor Kaan stand wieder der zerbrechlich wirkende Alte.
»Deine Worte sind wie so oft rätselhaft. Wovon sprichst du bitte? Wir würden es bemerken, wenn Avalay wieder erstarkt. Ihr Verlies ist unversehrt. Felpiour hätte uns längst benachrichtigt.«
»Daran zweifel ich nicht. Meine Zauber werden das Siegel bis zum vorherberechneten Tag schützen.«
»Was ist es dann, dass dich hadern lässt?«
Vincent Moriet zögerte, als wenn er sich die folgende Antwort erst gewissenhaft zurechtlegen wollte. »Hast du jemals in Erwägung gezogen, dass außer uns noch jemand durch das Portal gelangt sein könnte? Unbemerkt. In jener Nacht spürte ich eine altvertraute Präsenz, die mich erschaudern ließ. All die Jahre habe ich jedoch meine Zweifel unterdrückt. Mir stets eingeredet, dass es nur an seinem Blut lag, dass auch durch ihre Adern fließt. Bis zum gestrigen Tag.«
»Oh warte, ich weiß jetzt, worauf du hinaus willst«, fauchte Kaan. »Nicht zu fassen, dass du noch immer an dieser wahnwitzigen Theorie festhältst.«
Moriet lächelte matt. »Deine Reaktion war vorhersehbar. Nun gut, reden wir nicht mehr darüber.«
»Aber du hast ihn mit eigenen Augen sterben sehen. Wir alle haben das.«
»Das ist die Frage – haben wir das wirklich? Kaan, glaube mir, ich würde mich nur zu gern täuschen. Nichtsdestotrotz war es meine Pflicht, Vorkehrungen zu treffen, bevor meine Magie endgültig versiegt. Jetzt bleibt nur noch eines zu tun.«
Moriet hatte kaum zu Ende gesprochen, als sich die Dunkelheit lichtete. Sie traten zwischen den Bäumen hervor und wurden mit einem Anblick belohnt, der für den beschwerlichen Fußmarsch wahrlich entschädigte. Es wirkte, als wenn jemand den Wald wie einen Vorhang aufzog, um den Blick auf eine gigantische Bühne samt Meereskulisse frei zu geben.
Kaan ließ seinen Blick über die sichelförmige Bergkante schweifen. »Wenigstens hier hat sich nichts verändert. Aber noch mal – was hast du vor?«
»Ich werde der Geschichte erlauben, ihren Lauf zu nehmen. Welcher Platz könnte dafür geeigneter sein als dieser? Kaan, hör mir jetzt gewissenhaft zu! Nur dieses eine Mal. Ohne Vorurteile. Ohne Einwände. Der Tag wird kommen, da andere statt meiner den Rat wieder vereinen. Wenn dies geschieht, bitte ich dich, weise zu handeln. Vergiss endlich deinen Groll gegenüber Ablecain. Verbünde dich mit ihm! Nur gemeinsam seid ihr stark genug, um die zu schützen, die meinen Platz einnehmen, falls ihnen Gefahr droht. Und ich befürchte, genau das wird passieren. Findet Paeon und Felpiour, denn auch ihre Anwesenheit wird vonnöten sein. Besonders die Suche nach Paeon wird wohl eine Herausforderung werden. Kaan, mir war die Gabe der Voraussicht nie zu eigen. Dennoch habe ich den Verdacht, dass dein sehnlichster Wunsch bald in greifbare Nähe rücken könnte.«
»Du meinst, ein anderer soll an deine Stelle treten? Was schwafelst du da? Du bist der einzige Mabou diesseits der Welt. Niemand kann dich ersetzen.«
»Sehr schmeichelhaft, danke. Und doch muss ich dir diese Erklärung schuldig bleiben. Die Zeit ist noch nicht reif. Zudem befürchte ich, dass dein Temperament dem Gelingen momentan eher abträglich ist. Bitte sieh einem alten Mann seine Direktheit nach.« Moriet trat an die Felskante. Außer einem Fischerboot war nichts als das Meer zu sehen, das launig gegen die Klippen schlug.
»Willst du etwa behaupten, dass ich nicht vertrauenswürdig bin? Nach allem, was wir gemeinsam durchlebt haben?«
»Nichts läge mir ferner, alter Gefährte. Nichts läge mir ferner.« Moriet schaute gedankenverloren in die Ferne.
Im nächsten Moment drehte er sich mit dem Rücken zum Abgrund, schloss seine Augen, murmelte etwas Unverständliches und kippte hintenüber in die Tiefe.
»Neeeiiin« entfuhr es dem Panther. Er sprang mit einem gewaltigen Satz zur Felskante und versuchte Moriet noch zu erreichen. Vergeblich.
Spätestens im Augenblick des bevorstehenden Endes stellt sich selbst bei Lebensmüden das Entsetzen ein und die Gesichtszüge entgleisen. Nicht so bei Vincent Moriet, dessen Mimik und Körperhaltung während des Falls friedfertig wirkte, vielmehr dem eines glücklich Schlafenden ähnelnd.
Kurz vor dem Aufprall schossen ihm Wasserfontänen entgegen, schmiegten sich unter seinen erschlafften Körper und geleiteten ihn die letzten Meter nach unten.
Kaan heulte vor Entsetzen auf. »Du alter Narr, was hast du getan?«
Vincent Moriet wurde von den Wellen noch eine Weile umher getrieben und versank dann lautlos in der Dunkelheit.
Nach einigen Minuten regte es sich in der Tiefe jedoch wieder. Ein heller Schimmer stieg nach oben. Als das Licht die Wasseroberfläche durchbrach, war es zu einer weiß strahlenden Sphäre angewachsen, die sich in die Lüfte erhob und letztlich in den Wolken verschwand.
Zurück blieben nur das kleine Fischerboot und ein Adler, der am Himmel seine Kreise zog.
Kapitel 1 "Das Ende"
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